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Xiuxi

Egal wo: Hauptsache, schlafen

 

(© Volker Häring)

Seit gefühlten Stunden stehe ich in der Bank Schlange, um Geld zu tauschen. Nur zwei Kunden trennen mich noch vom Schalter, da lässt die Bankangestellte mit einem Male den Kopf auf die Tischplatte sinken und – schläft ein! »Xiuxi«, haucht ihre Kollegin: »um 13 Uhr wiederkommen«. Kein Gejammer, kein Gemecker oder flehende Bitten können daran etwas ändern. Xiuxi ist heilig. Und unabänderlich.

Überall und immer: Zeit für eine kleine Pause muss sein! Auf der Parkbank einzuschlafen oder die Busfahrt für ein Nickerchen zu nutzen, ist keineswegs peinlich. Auch auf dem Beifahrersitz des Autos halten die wenigsten länger als fünf Minuten durch und sacken langsam zur Seite.

Erstaunlich ist: Kaum hält der Bus an der richtigen Haltestelle, springt der eben noch fest schlafende Nebenmann auf und sprintet heraus. Diese rundum entspannte Haltung in Schlaffragen hat viele Gründe. Schlafen ist gesund, und das Mittagsschläfchen bringe die Qi-Energie wieder auf Trab, heißt es. Oft ist es aber auch ganz profan der Schlafmangel: Vor allem in den Ballungsräumen sind die Arbeitsstunden mitunter lang und Anfahrtswege von mehr als einer Stunde keine Seltenheit. Da ist jede Gelegenheit recht, ein paar Minuten Schlaf nachzuholen.

Sogar in der Schule oder an der Universität lassen viele Schüler während des Unterrichts den Kopf auf die Tischplatte sinken. Die Lehrer nehmen es gelassen. Wer so müde ist, dass er im Unterricht einschläft, hat wahrscheinlich die ganze Nacht gelernt. Wenn es um den richtigen Ort für ein Mittagsschläfchen geht, zeigt man sich in China erfinderisch. So haben die Pekinger mit der ersten Ikea-Filiale ihren Wortschatz um einen Begriff erweitert: Yíjiā wǔjiào bedeutet »Ikea-Mittagsschläfchen«. Und in der Tat: Um die Mittagszeit sind alle Ausstellungsstücke der Bettenabteilung belegt.

Xiuxi – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Chinas. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch China 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

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Bier

»Ganbei!« – Trockne die Tasse!

 

(© Volker Häring)

Eigentlich ist Tee ja das Nationalgetränk der Chinesen. Wer schon einmal das Vergnügen hatte, mit chinesischen Freunden oder Geschäftspartnern essen zu gehen, wird den Tee allerdings nur als kaum berührtes Backup-Getränk wahrgenommen haben.

Zum chinesischen Essen wird zugeprostet und angestoßen. Mit hochprozentigem Schnaps – und mit Bier. Mit einem Konsum von über 42 Milliarden Litern ist China seit über einem Jahrzehnt das Land mit dem höchsten Bierkonsum weltweit. In den letzten zehn Jahren stieg der Verbrauch in China um 70 % – Wachstumsraten, von denen die deutschen Brauereien
nur träumen können. Dabei musste Anfang des 20. Jahrhunderts das erste in der damaligen deutschen Kolonie Qingdao gebraute Bier noch kostenlos in der Mittagspause an chinesische Fabrikarbeiter verteilt werden, damit es überhaupt Abnehmer fand.

Inzwischen ist Bier aus dem chinesischen Alltag kaum mehr wegzudenken. Allein das berühmte Qingdao wird in mehr als einem Dutzend Variationen verkauft. Es gibt alkoholfreies Bier, Eisbier, Weizen, Ananasbier und in jeder größeren Stadt lokale Mikrobrauereien. Da Bier in der Regel ex und in rauen Mengen getrunken wird, hat der chinesische Staat in den letzten Jahren darauf geachtet, dass das ausgeschenkte Bier nicht zu stark gerät. Biersorten mit weniger als 3 % Alkohol bei knapp 7 % Stammwürze sind die Regel. Getrunken wird meist aus kleinen Wassergläsern. Das schont die Leber und macht das Extrinken erträglich. Ein chinesischer Umtrunk endet so auch eher mit einem Wasserbauch als mit einem Brummschädel.

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Laowai

Anders als andere

 

(© Volker Häring)

Ein bisschen schmeichelnd ist es schon: Abseits der großen Städte bin ich eine wandelnde Sensation. Auch heute noch. »Ein Laowai«, raunen sich die Marktfrauen von Kaiping zu und diskutieren auch gleich noch alle physischen Merkmale, die mich von einer Chinesin unterschieden.

Das ist kein Problem, weil Laowais grundsätzlich kein Chinesisch können. Ich oute mich als sprachkundig und ernte Gelächter. Die Bemerkungen ändern sich nicht wirklich, nur sind sie jetzt direkt an mich gerichtet: »Sehen bei euch alle so aus?«, »Woher kommst du?«, »Was verdient man so in Deutschland?«. Letzteres ist ein unglaublich wichtiger Aspekt, eine Frage, die unbedingt mal raus muss.

Ausländer sind und bleiben in China eine spannende Sache. Vor allem auf dem Lande ist die Ankunft eines Ausländers oft noch ein einmaliges Erlebnis. Doch warum? Bis in die 1970er gab es praktisch keine Ausländer in China. Seit dem Beginn der Öffnungspolitik hat sich der Tourismus kräftig entwickelt, rund 60 Millionen internationale Reisende kommen nun jedes Jahr ins Land. Doch sie fahren fast alle die gängigsten touristischen Sehenswürdigkeiten ab. Peking, Xi’an, Shanghai und Guilin sind deshalb die Orte, in denen Ausländer wahrlich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Der Ausdruck Laowai ist freilich geblieben. Wörtlich übersetzt bedeutet lao »alt«, hier aber im Sinne von »ehrenwert« zu verstehen, während wai einfach nur das Wort für »außerhalb« ist. Beleidigend ist der Ausruf Laowai also nicht. Mitunter ist es jedoch etwas anstrengend, rund um die Uhr beäugt und bekichert zu werden. Gleichzeitig ist es recht befreiend, ein Laowai zu sein. »Die sind ja sowieso irgendwie anders«, lautet der chinesische Konsens, und deshalb sind Laowais weder an den traditionellen Verhaltenskodex noch an andere Standards gebunden. Egal ob seltsame Kleidung, schlechte Manieren oder mangelnde Sprachkenntnisse: Ausländer zu sein, erklärt in China so ziemlich alles.

Nur Ost- und Südostasiaten sind in dieser Hinsicht benachteiligt: Weil sie irgendwie doch ein bisschen wie Chinesen aussehen, lässt man ihnen auch weniger Fauxpas durchgehen.

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Majiang

Die Mutter aller Glücksspiele

 

(© Volker Häring)

Obwohl alle Tische voll besetzt sind, ist es totenstill im Café. Nur ein leises Klicken und Klappern dringt auf die Straße. Keiner der Gäste spricht mehr als nötig, dafür starren sie alle auf den Tisch vor sich. Auch die stehenden Gäste raunen nur hier und da leise vor sich hin. Was wie der Beginn eines Zombiefilms wirkt, ist nichts anderes als eine konzentrierte Majiang-Runde.

Vier Spieler braucht es, die als Norden, Süden, Osten und Westen meist an einem kleinen quadratischen Spieltischchen sitzen. Das Grundprinzip des Majiang, von dem es tausendundeine lokale Variante gibt, erinnert stark an Rommé – verwandt sind sie dennoch nicht; beide Spiele haben sich unabhängig voneinander entwickelt. Obwohl es als das chinesische Spiel schlechthin gilt, entstand Majiang (im Westen auch als Mah-Jongg oder Mahjong bekannt) wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einer der vielen Armeeoffiziere, die in der Zeit der Taiping-Rebellion lange Nächte mit Wachestehen verbringen mussten, soll es erfunden haben. Anderen Theorien zufolge ist Majiang die Spielidee eines Shanghaier Adligen, oder vielleicht doch eine Erfindung zweier Brüder aus Ningbo, die es aus dem traditionellen Spiel Madiao weiterentwickelten?

Mit der Frage nach der Herkunft hält man sich in China gar nicht lange auf, sondern spielt. Wieder, muss man dazu sagen. Wie alle Glücksspiele war Majiang nach dem Sieg der Kommunisten 1949 erst einmal verboten. Nicht ganz zu Unrecht: Manch ein Familienvater hatte in der Zeit der Republik beim Majiang Haus und Hof verspielt. Lange mussten die Chinesen jedoch nicht auf ihren Lieblingszeitvertreib verzichten. 1985 wurde das Verbot im Zuge der Reformpolitik wieder aufgehoben – wahrscheinlich sehnten sich auch die hohen Kader nach dem leisen Geklapper der Steine. Der Einsatz von Geld ist jedoch nach wie vor nicht erlaubt.

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Wahrsager

Den richtigen Zeitpunkt finden

 

(© Francoise Hauser)

Wann ist der günstigste Moment für eine Hochzeit? Soll ich lieber mit dem Bus oder dem Zug nach Guangzhou fahren? Wie kann ich meinen Umsatz erhöhen? Es gibt kaum eine Frage, auf die die chinesische Astrologie keine Antwort findet.

Lange Zeit waren Wahrsager in China verboten. Offiziell. Wirklich ausmerzen konnte auch die kommunistische Propaganda den Glauben an die Wahrsagerei nicht. Mit dem Beginn der Öffnungspolitik tauchten die ersten Astrologen wieder auf. Erst verschämt, in dunklen Ecken, dann offen, am Straßenrand. Heute findet man sie überall an belebten Straßen. Viel Ausrüstung brauchen sie nicht: Eine kleine Tafel mit einer kurzen Notiz zu den besonderen Fähigkeiten und Methoden, ein Hocker für die Kundschaft, fertig ist das mobile Astrologiestudio. Besonders beliebt sind beispielsweise Weissagungen anhand von Hand- und Gesichtsmerkmalen.

Das Prinzip ist einfach: Über jeden Lebensabschnitt gibt ein bestimmter Teil des Kopfes Auskunft: Das linke Ohr zeigt das Schicksal der ersten sieben Lebensjahre, danach verrät das rechte Ohr mehr über die Zeit bis zum 14. Lebensjahr. Alle weiteren Lebensabschnitte lassen sich im Gesicht ablesen, wobei für alte Menschen vor allem der Bereich zwischen Nase und Kinn wichtig ist. Eine weitere wichtige Methode ist bazi: Hier errechnet der Wahrsager das Schicksal anhand der genauen Geburtsdaten.

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Glück auf!

Und danke für den Fisch!

 

(© Volker Häring)

Lecker schwimmt der Wels in der Chili-Essig-Sauce. Dann nimmt einer der westlichen Gäste die Hand und dreht ihn um. Die chinesischen Gäste sind entsetzt!

Daoyu, »den Fisch umdrehen«, ist eine ganz schlechte Idee! Nicht etwa, weil die Gefahr bestünde, dass das zarte Fleisch von den Gräten in die leckere Soße fällt und den Anzug dreckig spritzt. Es ist einfach ein schlechtes Omen! Mit anderen Schriftzeichen geschrieben heißt daoyu »den Reichtum umkehren«. Und allein der Gedanke an Armut verdirbt den Chinesen deutlich den Appetit.

Da hilft eigentlich nur noch ein prall gefüllter Koi-Teich im Garten. Wer sich schon über die Vorliebe der Chinesen für dicke Spiegelkarpfen gewundert hat, findet hier die Erklärung. Viel Fisch bedeutet viel Reichtum, als sogenanntes Homonym und ganz trivial als Koi. Ein besonders schönes Exemplar kann schon einmal eine Million Euro kosten!

So schwimmen in chinesischen Landschaftsgärten und an so manchem Restauranteingang zuweilen immense Werte herum. Sollte das nötige Kleingeld fehlen, reicht aber auch ein Plastikfisch oder ganz simpel ein entsprechendes Fischbild. Vor allem zum chinesischen Neujahr sieht man an vielen Häusern gemalte Bilder von Kleinkindern, die einen Fisch umarmen. Meist in Kombination mit anderen Symbolen wie dem Lotus ( auf Chinesisch), der ein Homonym mit dem Wort für »Harmonie« bildet und zudem für Kinderreichtum steht. Kindersegen, Reichtum und Harmonie, da kann im neuen Jahr ja nichts mehr schiefgehen!

Aber Vorsicht! Nicht jeder Fisch eignet sich als Glückssymbol. Der Aal steht zum Beispiel für das männliche Geschlechtsorgan.

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Klimaanlage

Gänsehaut als Statussymbol

 

(© Volker Häring)

Dass es in China im Winter mitunter kalt wird, ist allgemein bekannt. Doch auch im Sommer lauern eisige Temperaturen – allerdings in geschlossenen Räumen.

Es ist Sommer in Nanjing, draußen flimmert die Luft bei fast 40 Grad im Schatten. Dennoch wäre es fahrlässig, ohne Strickjacke auf einen Einkaufsbummel zu gehen. Noch bevor der Kunde überhaupt einen Blick auf die Etiketten geworfen hat, spürt er am kalten Hauch aus den offenen Eingangstüren der Boutiquen, wie es um das Preisniveau bestellt ist. Je eisiger, desto teurer, lautet eine ungefähre Faustregel: Kälte ist Luxus im heißen chinesischen Sommer, da ist es geradezu eine Frage des Prestiges, die Klimaanlage auf 18 Grad runterzudrehen. Nicht dass einer denkt, man könne es sich nicht leisten!

Erlaubt ist das übrigens nicht: Seitdem der Staatsrat im Sommer 2007 eine offizielle Direktive zum Thema Klimaanlagen herausgegeben hat, dürfen Behörden und öffentliche Räume im Sommer nur noch auf 26 Grad heruntergekühlt und im Winter auf maximal 20 Grad erwärmt werden. Aus gutem Grund: Bei besonders hohen Temperaturen bricht hier und da die Stromversorgung zusammen. Auch daran sind oft die Abertausenden von Klimaanlagen schuld, denn sie machen im Sommer oft mehr als ein Drittel der gesamten verbrauchten Energie aus. Das Risiko, mit einer zu kalten Klimaanlage erwischt zu werden, ist allerdings ziemlich gering. Die Zwölf-Millionen-Stadt Peking beispielsweise leistet sich gerade mal 22 Temperaturinspekteure. Bedenkt man, dass mehr als zwei Drittel aller Klimaanlagen weltweit in China stehen, dann ahnt auch der Laie: Es wird ziemlich schwer werden, bei dieser Fülle durchzugreifen.

Dass sich die Klimaanlagen so großer Beliebtheit erfreuen, hat übrigens nicht nur mit den extremen Sommertemperaturen zu tun: Praktischerweise entfeuchten die Klimaanlagen auch die extrem schwüle Luft und verhindern dadurch zum Beispiel, dass Kleidung und Schuhe in der Wohnung schimmeln. Für die Fußgänger auf der Straße bedeutet dies jedoch, dass sie ständig dem ekeligen Getröpfel der Klimaanlagen ausweichen müssen.

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139

Wasserbüffel

Nur die Harten kommen in den Garten

 

(© Volker Häring)

Natürlich gibt es auch für den Nassreisanbau geeignete Maschinen. Doch sie sind in der Regel viel zu teuer für die südchinesischen Bauern und aufgrund der kleinen Parzellen wenig rentabel. Der Wasserbüffel muss sich daher erst einmal wenig Sorgen um seine Zukunft machen.

Klaglos zieht er den Pflug, steht stundenlang bis zum Bauch im Wasser und macht nebenbei auch noch Touristen glücklich, denen das Fotomotiv »Wasserbüffel« Freudenseufzer entlockt: Ländlich-chinesischer wird’s nimmer.

Überall dort, wo Reis angebaut wird, ist der Wasserbüffel ein wichtiges Nutztier. Pro Tag kann er immerhin einen Viertel Hektar Reisfeld umzupflügen. Auch als Zug- und Lasttiere sind die Büffel einsetzbar. Und der Philosoph Laozi wird typischerweise auf einem Wasserbüffel reitend dargestellt. Für die Bauern Südchinas ist die Anschaffung eines solchen Tieres eine ziemlich große Investition: Rund 4.000 RBM (derzeit um die 475 Euro) kostet ein ausgewachsener Büffel. Dafür arbeiten die Tiere bis zu 25 Jahre lang und bleiben auch als »Senioren« meist noch in ihrer Familie, quasi als Haustier.

Auf dem Lande sind oft die Kinder der Familie für den Wasserbüffel verantwortlich und führen ihn auch jenseits der Arbeitszeiten zum Wasser: Von Natur aus mit nur wenigen Schweißdrüsen ausgestattet, braucht er die regelmäßige Abkühlung. Dass man bei dieser Gelegenheit selber planschen und von seinem Rücken aus prima ins Wasser springen kann, versteht sich von selbst.

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Artenschutz

Status auf dem Teller

 

(© Francoise Hauser)

Vier Tigerpranken, ein wenig angenagt und auch sonst nicht mehr in allerbestem Zustand; einige der Krallen waren bereits abgesägt. Sie lagen nicht einmal besonders versteckt auf einem Impromptu-Straßenstand aus Plastikfolie direkt am Markt von Guangzhou. Niemand störte sich daran, auch nicht die beiden Polizisten, die wenige Meter entfernt Streife liefen.

Selbstverständlich stehen Tiger auch in China unter Naturschutz. Wenn es denn überhaupt noch welche gibt, denn in den letzten 25 Jahren ist kein chinesischer Tiger mehr gesichtet worden. Gut möglich, dass dieses ramponierte Exemplar aus Indien, Sumatra oder Bangladesch stammte.

Für die Konsumenten ist es ziemlich egal, wo der Tiger erlegt wurde. In der Traditionellen Chinesischen Medizin gilt das Prinzip »Du bist, was Du isst«. Vereinfacht gesprochen gehen die Eigenschaften des Tieres auf den Menschen über, der es verzehrt. Kein Wunder, dass der kraftvolle Tiger besonders hoch im Kurs steht und von Asthma über Rheuma bis hin zu Penisgeschwüren so ziemlich alles kurieren kann. Sich eine derartige »Delikatesse« leisten zu können, hat natürlich auch mit Prestige zu tun: Eine Flasche »Schnaps« mit eingelegten Tigerknochen kann mehr als 1.000 Euro kosten. Leidtragende dieses Prinzips sind nicht nur die Tiger, sondern auch allerhand andere Tiere. Schildkröten verhelfen zu einem langen Leben, Haifische stärken die Haut und Bärenhoden und Seegurke helfen bei Erektionsproblemen. Selbstverständlich ist es auch in China nicht erlaubt, die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere als Menüvorlage zu interpretieren. Die Gewinnspannen beim illegalen Handel mit seltenen Tieren sind jedoch so hoch, dass problemlos auch noch ein kleines Zubrot für die Ordnungshüter abfällt, die, wie in diesem Fall, dann einfach wegsehen: Tigertatzen? Doch nicht auf unserem Markt ...

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Diaolou

Wolkenkratzer im Reisfeld

 

(© Francoise Hauser)

Wie schützt man sein hart verdientes Geld gegen Überfälle? Was tun, wenn überall kriminelle Banden herumlungern und die Polizei nichts taugt? Die Bewohner von Kaiping fanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine eigenwillige Lösung.

Abertausende Chinesen waren Ende des 19. Jahrhunderts aus dem armen Süden in die Ferne gezogen, um beim nordamerikanischen Eisenbahnbau, in den Gummipflanzungen von Sabah und Sarawak, den Zinnminen Malaysias oder anderen fernen Regionen zu arbeiten. Freilich ohne ihre Familien. Besonders rund um Kaiping in der Region Jiangmen südwestlich von Guangzhou waren ganze Dörfer von den Überweisungen der emigrierten Männer abhängig. Und lebten nicht schlecht davon. Kein Wunder, dass sich auch marodierende Banden für die Dörfer interessierten. Hilfe von staatlicher Seite war nicht zu erwarten: Auf dem Lande regierten die Warlords – lokale Herrscher, die sich willkürlich bereicherten und die Bevölkerung auspressten. Wenn nichts mehr zu holen schien, ließen sie ihre Soldaten plündern.

(© Francoise Hauser)

Um ihren hart erarbeiteten Wohlstand zu verteidigen, kamen die Bewohner von Kaiping auf die findige Idee, Schutztürme zu errichten. Bis zu acht Stockwerke zählten sie, mit gewaltigen Mauern und Schießscharten. In den unteren Stockwerken verzichtete man oft auf Fenster oder schützte die Öffnungen mit faustdicken Metallklappen. Einschusslöcher an den vom Monsun zerfressenen Fundamenten zeugen heute noch von der Notwendigkeit solcher Vorkehrungen. Je weiter oben am Gebäude, desto verspielter wurden die Verzierungen, die schon auf den ersten Blick verrieten, in welch weit entferntem Exil der Erbauer sein Geld verdient hatte. So tragen die meisten Diaolou-Türme westliche Barockelemente, die den dem Kitsch oft zugetanen chinesischen Erbauern im Westen besonders gut gefallen hatten. Rund 1.800 von ihnen gibt es noch – ein Meer von Türmen, die aus den grünen Reisfeldern ragen. Lange blieben sie unbeachtet, bis sie 2007 schließlich zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden.

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Liaotian

Das Blaue vom Himmel schwatzen

 

(© Volker Häring)

Ich stehe keine zehn Sekunden an der Haltestelle, schon werde ich angesprochen. »Woher kommst du?«, »Wie heißt du?«, »Was verdienst du?«, »Hast du Kinder?«, »Wenn ja, wie viele?«, und als ich noch keine Kinder hatte: »Was stimmt bei dir nicht?«

Sicher, eine Langnase ist – zumindest auf dem Land – immer noch eine Attraktion. Doch Wissbegierde und Mitteilungsbedürfnis umfassen nicht nur den zufällig anwesenden Ausländer. »Wartezeit ist Zeit zum Philosophieren«, warb die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG Anfang der 1990er. In China wird dies wörtlich genommen, auch wenn hier eher getratscht wird als philosophiert. Dauert sowieso noch ewig, bis der Bus kommt, dann kann man die Wartezeit auch mit etwas Plauderei überbrücken!

Generell lässt sich sowieso hinterfragen, wer vor einigen Jahrhunderten das Klischee vom hintergründig schweigenden Chinesen aufgebracht hat. In China trägt man in der Regel das Herz auf der Zunge. Der Gruß »Chifanle ma?« (»Hast du schon gegessen?«) ist nicht nur das Pendant zum deutschen »Mahlzeit!«, es ist auch eine unmissverständliche Aufforderung zum Small Talk, der vom Wetter über das gestrige Fußballspiel bis hin zur großen Politik führen kann. Liaotian eben, wörtlich »vom Himmel plaudern«, also über alles und jeden reden. Da kann man sich auch mal zur Zote oder politischen Kritik hinreißen lassen. Ist ja alles nicht so ernst gemeint, sondern informell, eine private Plauderei im Gegensatz zum öffentlichen Statement.

Mit der die chinesische Gesellschaft zunehmend erfassenden Hektik geht leider auch das Bedürfnis zurück, liaotian zu praktizieren. Oder liegt das an der erstaunlichen Pünktlichkeit, die chinesische Verkehrsmittel inzwischen an den Tag legen?

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Shangri-La

Paradies aus der Retorte

 

(© Volker Häring)

Lange wurde gestritten und diskutiert, bis 2001 die Regierung per Dekret entschied: Das mythische Shangri-La liegt im Kreis Diqing im äußersten Norden der chinesischen Provinz Yunnan.

Eine utopische Gesellschaft, in der östliche und westliche Weisheit eine perfekte Einheit eingehen. Dies ist das Shangri-La aus der Feder des britischen Schriftstellers James Hilton, dessen 1933 veröffentlichter Roman Verlorener Horizont (Lost Horizon) sich den tibetischen Mythos vom Land des reinen Buddhismus (Shambala) aneignet. Der Roman erlangte Weltruhm, wurde verfilmt und Shangri-La stand seitdem für ein verborgenes Paradies im Himalaya.

Mit der touristischen Öffnung Chinas in den 1980er-Jahren begann auch der Streit um den wahren Ort Shangri-La. Nicht weniger als fünf Regionen in Yunnan, Sichuan und Tibet stritten um das Privileg, sich Shangri-La nennen zu dürfen. Die Kriterien waren: hoher Schneeberg, tibetische Bevölkerung, christliche Einflüsse. All dies traf auf Diqing zu. Vor allem hatte die Region im nahe gelegenen Mekong-Tal mit dem Dorf Cizhong eine christliche Kirche zu bieten, deren Ikonografie christliche und buddhistische Themen vermischt.

2001 wurde Diqing in Shangri-La umbenannt, in der Verwaltungshauptstadt Zhongdian wichen neue, moderne Häuser Gebäuden im traditionellen Stil. Teile der Bevölkerung durften sich für touristische Zwecke in Tracht schmeißen, alte Klöster wurden wiederaufgebaut und neue auf dem Reißbrett entworfen. Heute hat die Stadt etwas Disneyhaftes. Das wahre Shangri-La, so die Legende, lässt sich geografisch jedoch nicht zuordnen. Meinen auch Teile der Bevölkerung und wunderten sich nicht, als eine neu aufgebaute riesige Sakralfigur im Hauptkloster der Stadt gleich dreimal kollabierte. Dass im Januar 2014 auch noch große Teile der Altstadt einem Großbrand zum Opfer fielen, schien den Aberglauben zu bestätigen. Das Paradies bleibt doch besser unverortet!

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Das Buch

China 151

Das sagen die Medien

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Informationen zum Buch

China – das Land der Extreme: Nirgendwo sonst wohnen so viele Menschen, kein anderes Land hat in so kurzer Zeit eine so gewaltige Wegstrecke zurückgelegt. Schier über Nacht verschwinden ganze Stadtviertel, werden futuristische Skylines hochgezogen. Und dennoch hat sich China vieles bewahrt: Entdecken Sie eine Kultur, in der die Götter abgesetzt werden, wenn sie ihren Job nicht gut erledigen, das falsche Nummernschild Unglück bringt und ein Einkaufsbummel im Schlafanzug niemanden verwundert.

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Autoren Francoise Hauser und Volker Häring

Als Journalistin ist Françoise Hauser seit 25 Jahren immer wieder in China und anderen asiatischen Ländern unterwegs. Startschuss dieser lebenslangen Begeisterung war das Sinologie-Studium, das sie unter anderem für zwei Semester nach Nanjing in der Volksrepublik China und ein Semester nach Tainan in Taiwan führte. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst im Tourismus, genießt aber seit fast 15 Jahren die Freiheiten einer freien Journalistin und Autorin.

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Geboren im Nachrevolutionsjahr 1969 in der bayrischen Provinz, zog es Volker Häring nach dem Abitur in die weite Welt. Mitte der 1990er-Jahre studierte er in Peking Chinesisch und Theater und unterrichtete Deutsch am Goethe-Institut. Nach seiner Rückkehr in die Heimat gründete er 2001 den Spezialreiseveranstalter China By Bike und organisiert seitdem Rad- und Aktivreisen in China und Südostasien. Wenn er nicht gerade durch Asien radelt, lebt Häring als freier Journalist in Berlin und schreibt seit einigen Jahren regelmäßig für verschiedene Magazine, Wochen- und Tageszeitungen. Er ist Autor mehrerer China- und Asien-Reiseführer. Mit seiner Band Alptraum der Roten Kammer bringt er als Sänger und Gitarrist chinesische Rockklassiker auf deutsche Bühnen.

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