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Backwater

Welcome on board  

 

(© Andrea Glaubacker)

Nur das sanfte Geräusch des durch das dunkle Wasser gleitenden Bootes ist zu hören, während wir uns von einem stakenden Bootsmann durch eine der atemberaubendsten Landschaften Keralas schippern lassen – die Backwaters, von den Einheimischen Kuttanad genannt.

Gesäumt von schlanken Kokosnusspalmen und grünen Reisfeldern sind wir inmitten eines dunkel schimmernden Wasserlabyrinths, das mit Flüssen, Lagunen und Seen Kerala, Indiens südwestlichsten Bundesstaat, durchzieht. Diese faszinierende Landschaft auf Hausbooten oder einfachen Kähnen, den Kettuvellams, vom Wasser aus zu erkunden, gehört zu den Highlights Südindiens.

Von den Wasserwegen eröffnet sich eine Welt, die von den Straßen aus unsichtbar bleibt. Einfache Zugbrücken spannen sich über schmale Kanäle, vereinzelt stehen kleine Steinhäuser in Ufernähe. Der Dorfalltag zieht vorüber. Frauen in bunten Saris erledigen knietief im Wasser stehend den Abwasch oder klopfen die Wäsche auf Steinen aus.

Das Ufer ist gesäumt von grünen Sträuchern und hohen Gräsern, offene Flächen mit leuchtenden Reisfeldern wechseln sich mit undurchdringlichem Bewuchs ab. Rote Hibiskusblüten blitzen auf, schlanke Palmen wachsen gen Himmel, der schnelle Flügelschlag des blaugefiederten Kingfishers, des Eisvogels, durchbricht die tiefe Geruhsamkeit. Am Ufer abgelegte Zahnbürsten und Seifenstückchen markieren die Badezimmer. Grassoden treiben ruhig dahin, eine braungelbe Wasserschlange gleitet unter die Seerosen.

Paradiesisch, oder?

Wenn es nicht immer ein Aber gäbe – denn durch Überdüngung der Felder, illegale Bodengewinnung durch Trockenlegung und eine überdurchschnittlich hohe Bevölkerungsdichte ist das Ökosystem in ein Ungleichgewicht geraten. Auch motorbetriebene Touristenboote tragen dazu bei – lassen Sie sich also besser umweltverträglich und wesentlich geruhsamer von einem Bootsmann durch die Gewässer staken.

Backwater – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Indiens. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Indien 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

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Zeit

1 Minute, 1 Stunde, 1 Jahr, 1 Leben

 

(© Andrea Glaubacker)

»Wait one minute.«

Hört man diesen Satz, sollte man ihm definitiv keinen Glauben schenken. One minute kann so ziemlich alles bedeuten – außer ›eine Minute‹. In einem Land, in dem dasselbe Wort für ›gestern‹ wie auch für ›morgen‹ steht, ticken die Uhren anders. Sie ticken im Hier und Jetzt. Alles andere kommt oder ist vergangen und dadurch von geringerer Wichtigkeit.

Und Recht haben sie ja, die Inder. Während sich auf heimischen Bahngleisen hochrote Köpfe bereits nach fünf Minuten Verspätung empören, ist man in Indien relaxt. Manchmal ist der Zug pünktlich, meist eben nicht. Gelassenheit ist angesagt. Zeit ist nicht so überlebenswichtig wie in unseren Breitengraden, was mehr Freiheit gewährt, aber auch mehr Zeit in Anspruch nimmt. Uhr ablegen, Handy zuhause lassen und zeitvergessend durch Indien reisen. Ich garantiere Ihnen, es funktioniert.

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Kingfisher

Bier, Airline und ein geschäftstüchtiger Playboy

 

(© Shinihas Aboo)

Vor 1978 war der Kingfisher nur ein Vogel. Ein schöner Eisvogel allerdings, scheu, flink und sehr blau. Seit 1978 ist Kingfisher auch ein indisches Bier.

In einigen Bundesstaaten, in denen Alkohol verboten ist, werden die Flaschen heimlich in Zeitungspapier eingewickelt und in die Hotels geschmuggelt. In liberaleren Bundesstaaten, wie zum Beispiel Goa, können Biertrinker ganz offen die Flaschen mit dem Eisvogellogo leeren. Doch der Mann, der das Eisvogelbier in den 80ern zur beliebten Marke machte, ist nicht nur ein findiger Unternehmer. Vijay Mallya ist weit mehr. Er ist ein Symbol für das aufstrebende Indien und ein Leben voller Leichtigkeit, Luxus und schöner Frauen.

VJM, wie der Playboy genannt wird, ist bekannt für wilde Partys auf seinen Luxusyachten. 2005 gründete der Milliardär mit den großen Diamanten im Ohr die Airline Kingfisher, die zweitgrößte private Fluggesellschaft des Landes. Außerdem berichtet sein Lifestyle Sender NDTV Good Times mit Eisvogellogo über einen Lebensstil, der in Indien nur von der Oberschicht, das sind gerade mal ein Prozent der Bevölkerung, gelebt werden kann. Da geht es um Sexabenteuer und Bodystyling, um Partys und Luxusgüter. Es ist ein Bild eines leichten Lebens, frei, unabhängig, in dem Geld keine Rolle spielt. Ein Bild, das Trends und Vorlieben in die Köpfe meißelt, die für fast alle unerreichbar sind.

Die Airline schreibt rote Zahlen, kann Piloten und Stewardessen nicht mehr bezahlen. Die Zukunft der Fluggesellschaft ist ungewiss. Wer weiß, in einigen Jahren denkt man beim Namen Kingfisher vielleicht wieder nur an den blauen Eisvogel.

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Toleranz

Fünf Finger sind eine Hand

 

(© Andrea Glaubacker)

»Schauen Sie meine Hand an. Jeder Finger ist anders und doch ist es eine Hand. Genauso ist Indien.«

»Wir sind alle verschieden, Hindus, Muslime, Christen, Jains oder Sikhs – und doch alle Inder«, erklärt mir mein Tischnachbar weiter und beantwortet so meine Frage, ob es seiner Ansicht nach Probleme zwischen den unterschiedlichen Religionen gibt. Eine schöne Allegorie, die etwas differenziert betrachtet werden sollte.

Die meisten Hindus halten ihre Gesellschaft für tolerant, was nicht ganz falsch ist. Der Hinduismus ist eine weltoffene Philosophie, die sich nicht scheut, Heilige anderer Religionen in ihren Götterkreis aufzunehmen. Toleranz ist ein ganz wesentliches Element des Hinduismus. Doch gibt es auch hier Hardliner, die den Hinduismus über andere Religionen stellen und dadurch ihre angestrebte Vormachtstellung im Land begründen. Nicht nur Muslime sind im Visier der Hindu-Nationalisten, auch Christen sind unerwünscht. Leider kommt es immer wieder zu grausigen Gewalttaten gegen Christen und Muslime, da die Hetze der Hindu-Nationalisten bei einem kleinen Teil der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden stößt.

Die große Mehrheit im Land – ob Hindu, Muslim, Jain, Sikh, Buddhist oder Christ – ist allerdings sehr tolerant und friedfertig. Für sie ist Indien ein lebendiges Beispiel eines vielfältigen, toleranten Landes, in dem jeder seinen Platz findet.

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Lassi

Mango, Banane, Papaya und Bhang

 

Lassis sind erfrischende Joghurtgetränke, die es in den Varianten süß, salzig und neutral gibt. Besonders beliebt sind Lassis, die pürierte Früchte enthalten. Die Lassi-Top 10 der Touristen dürfte von der Geschmacksrichtung Mango angeführt werden.

Seltener und nicht unbedingt jedermanns Sache sind Bhang-Lassis, die bei bestimmten Festen wie Shivaratri, der »Nacht des Shiva«, und in einigen Gegenden von Jung und Alt konsumiert werden. Da diese Lassis Hanfblätter und -blüten beinhalten, geht die Wirkung weit über die reine Durstlöschung hinaus.

Einige Städte sind für ihre Lassis überregional bekannt, wie beispielsweise Varanasi. Sollten Sie dorthin reisen, dann besuchen Sie unbedingt das Blue Lassi, das vor allem bei japanischen und koreanischen Touristen den Ruf genießt, das weltweit beste Lassi zuzubereiten. Hier bekommen Sie das im Laden frisch hergestellte Joghurtgetränk aus kleinen traditionellen Wegwerf-Tongefäßen in ungewöhnlichen Kombinationen. Wie wäre es z. B. mit einem Granatapfel-Kaffee-Lassi? Der beflügelt sie mindestens genauso wie ein Bhang-Lassi.

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Arunachala

Gipfelfeuer bei Vollmond

 

Für die einen ist der etwa 980 Meter hohe Arunachala nur ein Steinhaufen, für andere ist er der heiligste Berg der Welt. Der gemeinhin als heiligster Berg Indiens geltende Kailash ist eigentlich nur der Wohnsitz Shivas – der Arunachala jedoch gilt als Shiva selbst. Auf dem Gipfel des Berges soll er den Götterkollegen Brahma und Vishnu in Form einer Feuersäule erschienen sein.

Deshalb wird an Vollmond im November auf dem Arunachala groß gefeiert. Priester schleppen literweise geklärte Butter und Öl den Berg hinauf. Wenn dann der Vollmond am Horizont aufgeht, zünden die Priester die flüssigen Brennmittel an, und eine meterhohe Feuersäule schießt in den Nachthimmel als Erinnerung an Shivas Erscheinen.

Jeden Vollmond marschieren Hunderttausende barfuß um den Berg. Das soll Wünsche erfüllen und schlechtes Karma auslöschen. Das Pilgern um den Berg ist aber kein bierernstes Unterfangen, sondern erinnert eher an einen 14 Kilometer langen Rummel.

Der Arunachala zieht seit jeher Heilige an. So kam der indische Guru Ramana Maharshi als Teenager zum Berg und blieb dort bis zu seinem Tode im April 1950. Er ist in Indien als erleuchteter Meister anerkannt, sein Ashram am Fuße des Berges ist noch heute ein beliebtes Pilgerziel. Er beschrieb den Berg in eigens verfassten Hymnen so: »Arunachala ist ein verborgener, heiliger Ort. Er ist immer vergleichsweise wenig bekannt geblieben. Der Berg verleiht Selbsterkenntnis, Jnana, aber die meisten Menschen haben andere, stärkere Begierden und suchen nicht wirklich dieses tiefe Wissen. Oh Arunachala, Du entwurzelst das Ego derjenigen, die an Dich in ihrem Herzen denken.«

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Palmblattbibliothek

Heißt ihr Vater Matthew?

 

Vor einigen Jahren hörte ich zum ersten Mal von der Existenz geheimer Palmblattbibliotheken. Dort soll jeder Mensch eine uralte, von Weisen auf Palmblättern geritzte Zusammenfassung seines Lebens erhalten. Ich entscheide mich, eine solche Bibliothek aufzusuchen.

In den Zeiten des Internets scheinen die geheimen Stätten nicht mehr ganz so geheim zu sein und ich vereinbare ein Palmblatt-Reading in einer dieser Bibliotheken. Nach einer kurzen Einführung (die Palmblätter seien Tausende Jahre alt, aber wegen der Gefahr des Verfalls vor 300 Jahren kopiert worden), presst Mister Subburathinam meinen Daumen auf ein Stempelkissen und nimmt den Abdruck. Er weiß nichts von mir, weder meinen Namen, geschweige denn die meiner Eltern. Anhand des Abdrucks macht er sich auf die Suche und kommt mit einem zusammengebundenen Palmblattstapel zurück.

Nun geht es los. Fragen über Fragen stellend geht er durch jedes einzelne Blatt: »Heißt ihre Mutter Mary? Heißt ihr Vater Matthew? Sind Sie Stier oder Fisch?«, und bei jedem zwangsläufigem Nein blättert er zum nächsten. Schließlich sind wir mit dem ersten Stapel durch. Er bringt den zweiten und sieht nicht sehr zuversichtlich aus. Ich bin es auch nicht, auf beunruhigenden Schildern an der Wand wird von Geduld gesprochen, die der Anwärter mindestens bis zum späten Abend haben muss – sofern das eigene Palmblatt gefunden werden soll.

Wieder unzählige Fragen. Mit Sicherheit habe ich weder meinen Namen noch den meiner Eltern genannt. Aber Hinweise gab ich reichlich. Trotzdem passiert das Erstaunliche beim zweiten Stapel. Mister Subburathinam nennt die richtigen Vornamen meiner Eltern, meinen Namen, mein Geburtsdatum und den Wochentag meiner Geburt. Ich bin baff.

Allerdings wandelt sich mein Erstaunen in Skepsis, als ich meine Prophezeiungen höre. An allen Ecken und Enden Probleme, die sich aber alle in kurzer Zeit auflösen. Die Probleme kommen daher – für diese Info zahle ich 1.000 Rupien extra – weil ich in meinem vorherigen Leben ein böser und reicher Singapurer war, der Frauen und Belegschaft bis aufs Blut ausnutzte. Um alles zum Guten zu wenden, müsse ich nur ein paar Kleinigkeiten befolgen: zuerst in die städtische Kirche gehen und zu Maria beten, zweitens Waisenkindern Essen und Geld spenden und drittens dem Palmblatt-Leser zusätzliche 5.000 Rupien und Opfergaben wie Kleidung (Saris), Bananen, Kokosnüsse und Räucherwaren geben. Mit anhaltend schlechtem Karma aus Singapur, um 2.000 Rupien erleichtert, aber eine Erfahrung reicher und nach dem Trick grübelnd verlasse ich den Hort des Hokuspokus.

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Darjeeling

Tea time in Darjeeling

 

(© Ranjith Shenoy (www.facebook.com/pages/Ranjith-Shenoy-Photography/17335588269355)

Hier oben, auf 2.185 Metern Höhe, ist es auch im Hochsommer noch angenehm frisch. Dasselbe müssen sich die britischen Kolonialherren fernab der englischen Kühle gedacht haben, als sie 1835 vom Fürsten von Sikkim den Ort Darjeeling pachteten und ihn fortan zur »Hill Station«, also zum Luftkurort für die hitzegeplagten Kolonialbeamten und Offiziere ausbauten. Ein Glockenturm, Kirchen, wie sie in jedem englischen Dorf stehen könnten, und Hotels in Kolonialarchitektur sind stumme Zeitzeugen dieser Epoche.

Die Engländer forcierten den Teeanbau in Darjeeling und machten den Ort zum bekanntesten Anbaugebiet Westbengalens. Noch heute gehört der Darjeeling-Tee zu den teuersten Schwarztees. Allerdings ist nicht überall Darjeeling-Tee drin, wo Darjeeling-Tee draufsteht. Schätzungen zufolge werden jährlich 30.000 Tonnen dieses Tees verkauft, aber nur rund 10.000 Tonnen produziert, der größte Anteil davon sogar außerhalb Indiens. Um dem entgegenzusteuern, versucht das Tea Board of India, ein Teil des Handelsministeriums, den Namen »Darjeeling« bei der EU als eine geschützte geographische Angabe eintragen zu lassen, wogegen der deutsche Teeverband Einspruch erhebt. Setzt sich der indische Antrag durch, würden Mischungen mit anderen Teesorten untersagt, doch genau diese Mischungen werden weltweit am liebsten getrunken und nach länderspezifischen Vorlieben der Teetrinker zusammengestellt. Der deutsche Teeverband ist sich sicher, dass die Nachfrage an Darjeeling einbrechen würde, da der Anteil von sogenanntem Gartentee, das sind ungemischte Tees, die aus einer Plantage stammen und unter Angabe ihrer Herkunft gehandelt werden, gerade einmal bei 0,5 % liegt.

Am besten genießt man eine Tasse aromatischen Darjeelings in Darjeeling selbst. Dann kann man sich der Echtheit sicher sein und dazu noch den Blick auf die Bergspitzen des Himalayas auf sich wirken lassen.

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Turbane

Eine Kopfbedeckung und mehr

 

Der Orient ist für Deutschlands Dichter seit jeher ein Faszinosum. So schrieb bereits Goethe im Faust II: »Das Würdige beschreibt sich nicht. Doch das gesunde Mondgesicht, ein voller Mund, erblühte Wangen, die unterm Schmuck des Turbans prangen.«

Obwohl der Turban ein Synonym für die indische Kopfbedeckung ist, stimmt dies nur mit Einschränkung, denn weniger als 10 Prozent der Inder tragen ihn. Vor allem die Sikhs, die aus dem Punjab in Nordindien stammen, tragen den Dastar, wie der Turban von ihnen genannt wird, als religiöses Symbol. Doch nicht alle Sikhs tragen zwangsläufig Turbane, dafür einige Hindus, dann heißt der Turban Pagri. Dabei kann so ein Turban ungeheuer praktisch sein. Neben seiner Funktion als Sonnenschutz wird er abgewickelt als Kopfkissen, Leintuch und zum Hochziehen und Filtern von Brunnenwasser benutzt.

Vor allem zu Hochzeiten wird der Turban auch von sonst barhäuptigen Männern verwendet. So gibt es noch heute professionelle Turbanbinder, die früher am Hofe der Fürsten angestellt waren und nun in speziellen Läden ihre Dienste anbieten.

Turbanstile sind vielfältig. Es heißt, im nördlichen Bundesstaat Rajasthan ändern sie sich alle 15 Kilometer. Aus der Art des Turbans kann man Rückschlüsse auf den Träger ziehen. Etwa 25 Meter lang, aber nur 30 cm schmal sind die Stoffstreifen der Kaufmänner. Sie werden wie eine Kordel um den Kopf gewickelt. Die Turbane der Brahmanen sind neun Meter lang, aber einen Meter breit, und die eines einfachen Bauern sind eher klein und aus grobem Material.

In Großbritannien leben die meisten Sikhs in Europa und sind dort mit einem Sonderrecht ausgestattet. Als einzige Gruppierung im vereinigten Königreich dürfen die turbantragenden Sikhs ohne Helm fahren. Außerdem erwägt man für die im Polizeidienst angestellten Sikhs die Entwicklung kugelsicherer Turbane.

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Indian Railways

Schnell, schnell - das ist keine indische Reise

 

Zugfahren in Indien ist ein besonderes Erlebnis. Nicht nur weil das Zurücklegen der großen Distanzen im Land in extrem langen und langsamen Fahrten gipfelt, sondern auch weil es Einblicke in einen eigenen Mikrokosmos gewährt.

Doch bevor es losgehen kann, benötigt man ein Ticket – und dieses zu bekommen, ist nicht immer einfach. Mitdrängeln und warten, Formular ausfüllen, hoffen und wieder warten, mit Glück ein Ticket erhalten, zahlen. Die Prozedur kann auch mal einen halben Tag dauern und ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Zur Hauptreisezeit, etwa der Hochzeitssaison Anfang des Jahres, kann es durchaus sein, dass die Züge wochenlang im Voraus ausgebucht sind.

Sobald einer der 14.000 blauen Züge auf über 63.000 Schienenkilometern schwerfällig aus dem Bahnhof rollt, eröffnen sich schnell untouristische Ansichten. Müll an Land und in stehenden Gewässern, dazwischen einfachste Behausungen. Vereinzelt Menschen, die Schienen ablaufen, auf der Suche nach Essensresten und Brauchbarem. Die Landschaft gleitet langsam vorbei – Äcker und Wiesen, Dorfleben, bunte Saris trocknen auf Leinen, eingeseifte Kinder und Wäscherinnen im dunklen Fluss, harte Arbeit auf dem Feld, Hunde streunen, Rabenvieh schaut zu.

Das Reisen mit der indischen Eisenbahn ist wesentlich unterhaltsamer als eine Zugfahrt im deutschen ICE. Lebhaft geht es zu. Man isst, plaudert, lacht, telefoniert, Kinder rennen die Gänge entlang und Kakerlaken manchmal über die Sitze. Für Abwechslung sorgen passierende Händler, die lauthals ihre Waren feilbieten. Es gibt Chai, zuckersüßen Milchtee, und »Goffi«, eigentlich coffee, mindestens ebenso süßen Milchkaffee, dann Softdrinks, Nüsse und Fettgebackenes, Nagelknipser, Sicherheitsnadeln, Halsketten, Suppen und Milch. Dazwischen kommen Bettler und manchmal Musikanten. Ein beinloser Junge auf einem Rollbrett, eine singende Oma, ein blinder Opa und ein Flötenspieler.

Wenn die rote Sonne hinterm Horizont versinkt, werden die Sitzlehnen der Bänke zu Liegeflächen hochgeklappt. Das Licht erlischt, Schlafenszeit. Jetzt surren nur noch die Ventilatoren unter dem rhythmischen Geratter der Eisenräder auf den Schienen. Wer jetzt mit einem tiefen Schlaf gesegnet ist, hat Glück. Wer sich die Nacht herumwälzt und kaum Schlaf findet, der ist spätestens wieder mit der Welt versöhnt, wenn ihn an der offenen Zugtüre stehend die Morgensonne begrüßt, die das Land in ihren zarten gelben Schein taucht.

Kommt dann der Zug nach knapp 40 Stunden Fahrtzeit pünktlich am Ziel an (was tatsächlich vorkommt), dann muss man seinen Hut ziehen vor den Indian Railways.

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Lautstärke

Geräusche einer Stadt

 

Ein Tag in einer indischen Stadt beginnt geräuschvoll und geht gleichermaßen zu Ende. Auch die Nachtruhe verdient ihre Bezeichnung nicht zwangsläufig. Es erschließt sich schnell, was die tagsüber schlafenden Hunde des Nachts treiben – laut bellend das Revier verteidigen. Graut der Morgen, mischen sich die Gesänge des Muezzins mit denen aus hinduistischen Tempeln – eine Art Anpfiff.

Weil es als gesund gilt, den Rachen von Schleim zu befreien, wird ab Sonnenaufgang hörbar gegurgelt, geröchelt und gespuckt. Schließlich mischt sich das Geklapper von Teekesseln und Geschirr mit einem lauter werdenden Stimmengemurmel. Setzt der Verkehr erst richtig ein, ist es endgültig vorbei mit der Nachtruhe. Vor allem das Hupen in allen Nuancen, gemischt mit dem Klingeln der Fahrräder und dem Geknatter der Motoren gibt dem Tag seinen beharrlichen Klangteppich.

Mäße man vom All aus die Geräusche der Welt, dürfte aus Indien ein lauter Misston zu hören sein, während aus Nordeuropa Friedhofsstille käme. Und da die Inder ein kommunikatives Volk sind und geschäftstüchtig dazu, hallen an manchen Tagen die unzähligen Angebote in den eigenen Ohren nach – Angebote von Rikscha- und Taxifahrern, Hoteliers und Shop-Besitzern, ihren Fragen, ob man nicht einen Sari, Seide, Souvenirs, Socken oder sonst etwas kaufen will. Dazu kommen unbedarft gestellte Fragen nach Name oder Herkunftsland und das »Hello!« dutzender Kinder, die gerne Rupien, Stifte, Schokolade oder Kekse hätten. Lautsprecher, etwa bei politischen Reden oder Festen, werden so ohrenbetäubend laut eingestellt, dass man beim Passieren Angst vor Tinnitus und Taubheit bekommt.

Indien ist wirklich kein leises Land. Bei der Geburt von Babys machte man früher einen Heidenlärm, um die Frischgeborenen auf den unausweichlichen indischen Krach vorzubereiten. Für westliche Ohren bleibt es laut, zumindest in der Stadt.

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Fassadenwerbung

Beständige Reklame

 

Gigantische Werbebanner, Transparente und Plakate prangen in Städten neben den Straßen, auf Plätzen und von Wohnhäusern. Juwelen, Luxusappartements, Autos. Produkte für die Reichen. Produkte, die für Europäer nichts Neues sind. Bei zwei Dritteln in Armut lebender Bevölkerung scheinen sie in Indien allerdings absurd.

Eine ursprüngliche und weitverbreitete Form von Reklame sind Wandmalereien auf Hauswänden. Sie sind haltbarer als Papierplakate und überstehen sogar den Monsun. Es gibt kaum ein Produkt, für das nicht auf indischen Häusern geworben wird. Ob Coca Cola, Sandalen, Zement, Shampoo, Kondome oder Abflussfrei – in bunten Farben werden die Produkte von fachkundigen Werbemalern auf die Außenwände gemalt. Die Hausbesitzer kriegen dafür einen kleinen finanziellen Ausgleich.

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spannende Länderdokumentationen

Markus Lesweng: Australien 151 – Portrait der großen Freiheit in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-67-4)

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David Frogier de Ponlevoy: Vietnam 151 – Portrait eines Landes in ständiger Bewegung in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-42-1)

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Das Buch

Indien 151

Das sagen die Medien

»Magische Momentaufnahmen« (moments, April 2013)

»Indien 151 eignet sich gut als "Appetitmacher" für Indien-Einsteiger, junge Reisende und deren Verwandte und als bildstarkes Sehnsuchts-Geschenk für Indien-Kenner.« (Anna Hofsäß, SÜDASIEN, 5. Dezember 2012)

Informationen zum Buch

Indien – die größte Demokratie der Erde, gigantisch, einzigartig und voller Gegensätze. Ein Land, das modernste Technologie entwickelt und zugleich in einem alten Traditionskorsett steckt. Wo Affen-, Elefanten- und mehrarmige Götter verehrt und Flüssen jeden Abend Millionen von Blumen geopfert werden. Wo gläserne Shopping-Malls wie Pilze aus dem Boden schießen und Mumbais Büromieten die von New York und Tokio überholen. Ist das Indien von heute ein modernes Land, ist es fest in alten Strukturen verankert oder liefert es schlicht immer alle möglichen Antworten zugleich?

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Autorin Andrea Glaubacker

Als Andrea Glaubacker das erste Mal Mitte der 90er-Jahre den indischen Subkontinent betrat, war es um sie geschehen. Zu bunt, zu schillernd, zu vielseitig empfand sie dieses Land, um es nur einmal zu bereisen. So führte sie ihre Reise- und Abenteuerlust immer wieder nach Indien. Sie schrieb, fotografierte und filmte, reiste von den eisigen Höhen des Himalayas bis an die tropische Südküste, von West nach Ost und Ost nach West, in Bus, Bahn und Rikschas, auf Kamelen und Lkw-Ladeflächen.

Die studierte Kulturwissenschaftlerin lebt und arbeitet in Berlin, wenn es sie nicht gerade wieder hinaustreibt in die weite Welt.

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