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Präfekturen

Von Metropolen und Städten, die es gerne wären

 

Broschüren und Material zu jeder Präfektur gibt’s im Präfekturen-Büro im Rathaus von Tokyo. (© Fritz Schumann)

Meine erste Nacht in Japans Hauptstadt verbrachte ich außerhalb der Stadt. Die Unterkunft, welche sich als das billigste Hostel von Tokyo bezeichnete, lag gar nicht in Tokyo, sondern eine Präfektur weiter nördlich.

Die Präfekturen sind die Bundesländer Japans. Von Nord bis Süd gibt es 47 von ihnen. Tokyo ist die bevölkerungsreichste und Hokkaido die größte. Die Einteilung entstand aus den ehemaligen Shogunaten und wurde von anfangs 300 auf die heutigen 47 reduziert. Die Bestrebung, sie im vergangenen Jahrzehnt auf zehn zu reduzieren, war erfolglos. Wahrscheinlich weil sich die Bewohner sehr stark mit ihrer Präfektur identifizieren und lokalpatriotisch sind.

Jede Präfektur kann eigene Gesetze, insbesondere über die Steuerpolitik, im eigenen Parlament erlassen. Das Wort der Zentralregierung entscheidet aber schlussendlich über alle Präfekturen. Bildungspolitik wird allein von den Gemeinden innerhalb der Präfektur gemacht.

Die Bezeichnung für Präfektur lautet -ken, es gibt nur vier Ausnahmen. Hokkaido erhält als einzige die Ergänzung -do, die als letzte Silbe schon im Namen steckt. Osaka und Kyoto haben aufgrund ihrer Größe und Bedeutung die Ergänzung -fu und Tokyo hat als größte Stadt als einzige -to, was von der japanischen Regierung mit »Metropole« übersetzt wird. Osaka, als Tokyo des Westens, hätte auch gern die Ergänzung -to, um auf eine Stufe mit Tokyo zu gelangen (und ähnliche steuerliche Vergünstigungen zu bekommen). Bislang durfte die Stadt aber nicht zur Metropole reifen. Die Summe aller Präfekturbezeichnungen ergibt den Begriff für Präfekturen in Japan: To-dō-fu-ken.

Das Hostel, in dem ich übernachtete, befand sich in Saitama-ken, der Präfektur nördlich von Tokyo. Jeden Tag musste ich umgerechnet den Preis einer Übernachtung für den Zug bezahlen, um in die Hauptstadt zu gelangen. Der Preis für das zwei Quadratmeter große Zimmer der billigen Unterkunft konnte das nicht ausgleichen. Da hatte ich am falschen Ende des Bettes gespart.

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Kabuki

Realitätsflucht in fünf Akten

 

Vorführung des No-Theaters vor dem Rathaus in Tokyo. No war der Vorgänger des Kabuki und ist die Basis für die Kunstform. (© Fritz Schumann)

Die Stadt Tokyo lud zum Theater. Eine große Bühne aus Zypressenholz war vor den 48 Stockwerken des Tokyoter Rathauses aufgebaut, und die Menge versammelte sich am Abend der Vorstellung. Eine japanische Klientin, die mir das traditionelle Theater erklärte, und ich waren auch dabei.

Kabuki-Theater setzt auf langsamen Sprechgesang und farbenfrohe Kostüme. Es entwickelte sich Anfang des 17. Jahrhunderts aus einem Tanz einer Geisha in Kyoto. Schnell sprach die ganze Stadt von ihr und sie musste vor dem Kaiser tanzen. Von da an wurde Kabuki zum Trend im gesamten Land. Der Erfolg des Theaters lässt sich durch den betont erotischen Unterton des Tanzes erklären. Daher auch der Name Kabuki, abgeleitet von kabuku »schockierend, nach vorne lehnen«. Früher spielten nur Frauen im Kabuki, von denen viele nach der Vorstellung als Prostituierte arbeiteten. Der Regierung wurde das Treiben allerdings zu bunt und fortan durften nur noch Männer im Kabuki spielen. Der Tanz wurde dadurch allerdings nicht weniger erotisch. Es sind viele Schlägereien bekannt, bei denen sich männliche Zuschauer um den schönsten Schauspieler prügelten.

Kabuki-Stücke thematisierten Legenden aus der Geschichte, Fabeln oder eigene Stücke. Die beliebteste Requisite ist ein großer Fächer, der dramatisch geschwungen werden kann. Populäre Stücke waren unglückliche Romanzen, die mit dem Tod des Paares endeten – ähnlich wie Romeo und Julia, das zur selben Zeit entstand. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg wurde Kabuki auch zu Propagandazwecken eingesetzt – aus diesem Grund war es nach Ende des Krieges auch recht unbeliebt. Das heutige Kabuki bezieht sich wieder auf den Stil des 17. Jahrhunderts. Männer spielen Frauenrollen, und die Aufführungen in fünf Akten dauern zwei bis fünf Stunden.

So lange wollten wir nicht bleiben. Die Schauspieler verließen nach und nach über eine schmale Brücke die Bühne, der erste Akt war vorbei. Meiner Begleitung reichte es an Kultur. Tatsächlich ist es üblich, einem Stück nur aktweise beizuwohnen, da der langsame Sprechgesang auch für Japaner nur sehr schwer zu verstehen ist. An der Kasse des Theaters zahlt man auch nur die Anzahl der Akte, die man sehen möchte. Im 14. Jahrhundert, zu Zeiten des No-Theaters, dem Vorgänger des Kabuki, dauerten Aufführungen sogar ganze Tage. Es galt als Urlaub oder Flucht vor dem Alltag, wenn man einen Tag im Theater des No lebte. Wir flüchteten aber lieber vor dem Theater.

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Tonkatsu

Aus dem Westen auf den Teller

 

(© Angelina Kogure)

Tonkatsu-Curry, tonkatsu-Reis, katsudon ... Die japanische Variante des Schweineschnitzels findet sich in vielen Gerichten.

Ursprünglich von den Portugiesen im 17. Jahrhundert eingeführt, galt das tonkatsu als yoshoku – als Essen aus dem Westen, das japanisch interpretiert wurde. Seine konstante Entwicklung unterscheidet es von Brot, Curry und anderen Gerichten, die japanisiert wurden.

Ein tonkatsu ist ein relativ dickes, schmales Schweinefilet. Es wird gewürzt und in Mehl und Ei paniert, bevor es eine Schicht aus Brotkrumen erhält und in einem Bad aus Fett frittiert wird. Dazu gibt es eine spezielle Soße. Sie besteht aus pürierten Früchten und Gemüse und wird in einer Flasche mit einer Bulldogge verkauft – eine Anspielung auf ihren vermeintlich britischen Ursprung. Tonkatsu ist auch beliebt als Belag auf Sandwiches. Meist ist das Fleisch dicker als das weiche Brot, in dem es verpackt ist.

Tatsächlich überrascht es, wie viel Fleisch in Japan gegessen wird. Vegetarisch lebende Freunde von mir hatten ernsthafte Probleme, in Restaurants Alternativen genannt zu bekommen.

Fleisch war allerdings nicht immer so beliebt. Der Fleischverzehr war sogar mehr als tausend Jahre lang offiziell verboten. Dies lag im Buddhismus begründet, der damals beim herrschenden Kaiserhaus beliebt wurde. Der Glaube an Reinkarnation war nicht zu vereinbaren mit der Schlachtung von Tieren. Fische als Nahrung waren aber weiterhin akzeptiert. Auch Wale, die als Fische galten, wurden gerne gegessen. Dem Fleischverbot folgte eine allgemeine Ablehnung von tierischen Produkten in der Nahrung. Der Geschmack von Fett galt als störend und unangenehm. Bis heute prägt diese Haltung die japanische Küche, die ohne Öle als Basis des Geschmacks auskommt. So ist das Essen auch gesünder und weniger fettig.

Mit der Industrialisierung und der Entwicklung in Richtung Westen wurde Fleisch wieder erlaubt. Richtig beliebt wurde es allerdings erst in den 1960er-Jahren, als der allgemeine Wohlstand einen erhöhten Fleischkonsum ermöglichte. Heute findet sich Fleisch in fast allen Gerichten, meist roh oder gebraten. Gekocht ist es nur als chinesische Variante bekannt.

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Wetter

Heiter bis Taifun

 

(© Fritz Schumann)

Im Norden ist es kalt, im Süden ist es warm. An dieser Binsenweisheit ändert sich auch in Japan nichts.

Zwischen den fast tropischen Inseln rund um Okinawa im Süden und dem wilden Hokkaido im Norden, wo durch die Luft aus Sibirien ein eher nordeuropäisches Klima herrscht, gibt es viele Schwankungen. Sie erlauben es, im Sommer dem heißen Tokyo zu entfliehen und im Winter noch Badeurlaub im Süden zu machen.

Grob kann man das Land in sechs verschiedene Zonen einteilen, in denen das Klima von unterschiedlichen Meeresströmungen beeinflusst wird – wenn es auch innerhalb einer Zone je nach Wind und Höhenmeter Unterschiede gibt. Als Maßnahme gegen das natürliche Klima gibt es die Technik: Wenn draußen ein heißer Sommer mit über 90 % Luftfeuchtigkeit herrscht, wird drinnen mit Klimaanlagen auf frische 17 °C heruntergekühlt. Läuft man durch eine beliebige Straße an einem Sommertag, passiert man diverse Geschäfte und Restaurants, deren automatischen Türen sich öffnen und eine kalte Brise auf die Straße atmen. Auf einer Straße durchquert man also mehrere Klimazonen gleichzeitig. Schweiß- und frostresistente Hemden sind zu empfehlen und an jeder Ecke käuflich zu erwerben – allerdings nur in japanischen Größen.

Man sagt, in Japan gibt es vier Jahreszeiten: Kirschblüte, Hitze, Laubfärbung und Schnee. Mit diesen Bezeichnungen kürzt man die jeweilige Saison auf die dominante Eigenschaft ab – auch wenn es in Tokyo vielleicht dreimal im Jahr schneit und man im kalten Norden die vielen Tannen kaum die Farbe wechseln sieht. Eins gilt allerdings für ganz Japan: übers Wetter gemeckert wird überall.

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Mamachari

Das Rad für alle

 

(© Fritz Schumann)

Vier von fünf Japanern fahren mit Omas Fahrrad. So lautet zumindest der übersetzte Name von mamachari, dem Fahrrad der Nation. Es ist ein simples Rad mit Kettenschutz, Dynamo, Bremse und einem Korb am Lenker.

Vom Grundschüler bis zur namensgebenden Großmutter benutzt jeder in Japan das mamachari. Es wird von Polizisten, Geschäftsleuten und Familienvätern gefahren, gilt als robust und verlässlich. Mit einem geringen Preis von 100–300 Euro ist es für jeden erschwinglich.

Das Fahrrad wird meist zum Einkaufen von Lebensmitteln oder die Fahrt zur nächsten Haltestelle eingesetzt, die in Tokyo schon mal 30 Minuten Fußmarsch entfernt sein kann. Die Bahnhöfe haben sich darauf eingestellt. So gibt es neben der Station große Fahrradparkplätze, die einen bis drei Euro pro Tag kosten. In der Innenstadt ist das Parken allerdings ein großes Problem. Wegen der Masse an Fahrrädern existiert fast überall ein Parkverbot, da die engen Straßen sonst schnell zugestellt wären. An einigen Stellen gibt es spezielle Fahrradparkplätze, die gegen eine regelmäßige Gebühr das Anschließen erlauben. Sogar unterirdische Fahrradspeicher, die automatisch über einen Computer funktionieren, gibt es. Wer unerlaubt parkt, wird zwar nicht abgeschleppt, bekommt aber eine eindeutige Warnung an den Lenker geklebt.

Jedes Rad muss im Fahrradladen registriert werden. Polizisten führen regelmäßige Kontrollen durch, ob das Fahrrad dem Fahrer auch wirklich gehört. Insbesondere Ausländer gelten als beliebtes Ziel der Kontrollen. In einem Monat wurde ich viermal angehalten. Die Statistik der Polizei hat Ausländer als Fahrraddiebe ausgemacht. Dabei ist es für Nichtjapaner keineswegs einfach, sein Fahrrad zu registrieren oder zu verkaufen. Vor der Heimreise verkaufen Ausländer ihr Fahrrad daher meist an andere Ausländer weiter. Ein Fahrrad kann so durch mehrere westliche Hände gehen, ohne je registriert worden zu sein. Das macht verdächtig, auch wenn kein Diebstahl im Spiel ist.

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Insekten

Kampfkäfer, Samurai und virtuelle Monster

 

Die Zikaden spielen jeden Sommer ein ohrenbetäubendes Konzert.

Nichts ist männlicher als ein Käfer. Japanische Jungs gehen jeden Sommer auf Insektenjagd und lassen ihre Gefangenen dann miteinander kämpfen.

Käfer-Käfige werden in Spielzeugläden verkauft, mit allem was man für eine erfolgreiche Jagd braucht. König aller Krabbler ist der Atlaskäfer mit einem prächtigen Geweih. Er ist die japanische Variante des Riesenkäfers.

In einem Land, das auch in der Shinto-Religion so viel Betonung auf Reinheit legt, hat mich die Käferkultur in Japan sehr überrascht. Doch im Laufe der japanischen Geschichte haben Insekten eine besondere Bedeutung erhalten. Spinnen zum Beispiel wurden wegen ihrer Netzbaufertigkeiten bewundert und als Symbol für die Industrie und als fleißige Arbeiter gesehen. Einsame Frauen von Samurai sollen sogar Gedichte an Spinnen verfasst haben, die ihnen Gesellschaft leisteten, während ihre Männer in der Schlacht waren. Aus China stammte die Tradition, Heuschrecken als Haustiere zu halten. Sie wurden selbst gefangen oder auf dem Markt in einem Tonkrug gekauft, in dem sie dann auch lebten. Sie wurden für ihren Gesang geschätzt und boten die Abendunterhaltung. Das ohrenbetäubende Geschnatter der Zikaden, die Japan jeden Sommer in Scharen bevölkern, galt hingegen nur als vulgär.

Schmetterlinge symbolisieren ein langes Leben und verkörpern die Seelen Verstorbener. Frösche, die zwar keine Insekten sind, sich aber maßgeblich von ihnen ernähren, sollen Glück bringen. Dieses Symbol lässt sich auf die Reisfarmen zurückführen, die konstant überflutet sind und den Fröschen durch ihre Feuchtigkeit eine Heimat geben. Sie fressen die Insekten, die dem Reis schaden können, und sind daher gern gesehen. Heute noch gelten sie als Glückssymbol, durch die Verbindung mit Reis auch im Zusammenhang mit Wohlstand. Geldbörsen, die wie Frösche aussehen, sollen das Geld wie durch Zauberhand vermehren, lautet ein beliebter Aberglaube.

Auf den Helmen der Samurai findet sich dann noch ein Bezug zwischen Männlichkeit und Käfern. Der Atlaskäfer heißt auf Japanisch wörtlich »Helmkäfer«, und sein bedrohliches Geweih wird auf einigen Kopfbedeckungen der Samurai nachgeahmt.

Bis heute jagen japanische Jungs zwischen fünf und zehn Jahren jeden Sommer Riesenkäfer und lassen sie gegeneinander antreten. Die weltweit erfolgreiche Spieleserie Pokémon, bei der Monster gefangen und trainiert werden, soll ihren Ursprung in diesem Hobby haben. So spielen es heute auch große Jungs und lassen virtuelle Kampfkäfer aufeinander los.

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Essstäbchen

»Solange du deine Stäbchen in meinen Reis steckst …«

 

So ist es richtig: Wenn man fertig ist, die Stäbchen auf die Schale legen und niemals in den Reis stecken. (© Angelina Kogure)

Meine Japanischlehrerin hatte eine gute Methode, den Schülern das Essen mit Stäbchen beizubringen: Wir sollten mithilfe der Essstäbchen einzelne Bohnen aus einer Flasche herausnehmen. Erst wenn jeder mindestens drei Bohnen nehmen konnte, sollte die Stunde vorbei sein.

Wir nahmen die Stäbchen in die rechte Hand und los ging’s. Mittig gegriffen bleibt ein Stäbchen starr, während das andere sich bewegt und so die Öffnung für eine Greifbewegung schließt. Nach der Stunde hatten wir alle verkrampfte Hände – aber wir konnten mit Stäbchen essen. Meine Lehrerin versicherte uns, dass sie es als Kind auch nicht anders gelernt hatte – mit einer roten Bohne in der Reisschale.

Die Essstäbchen kamen aus China nach Japan. Es gibt strenge Regeln, wie man sich bei Tisch mit den Stäbchen verhalten darf. Keinesfalls sollte man mit ihnen spielen oder sie zu lange in der Luft halten. Möchte man die Stäbchen ablegen, gibt es dafür einen extra »Ruheplatz« aus Porzellan. Niemals sollte man die Stäbchen vertikal in den Reis stecken. Die Form erinnert an Weihrauchkerzen und Opfergaben bei Beerdigungen und somit an den Tod. Nach dem letzten Korn die Reisschüssel mit den Stäbchen auszukratzen, ist ebenfalls untersagt, denn das ist gleichbedeutend mit »sein eigenes Grab schaufeln«.

Vor dem Essen schlägt man die Hände zusammen, verbeugt sich leicht und sagt »Itadakimasu!«, was so viel bedeutet wie »Danke für das Essen« oder »Ich lege dann mal los«. Die Essstäbchen hat man dabei meist schon in der Hand. Japanische Gerichte haben meist eine sehr weiche Konsistenz. Mit den Essstäbchen kann man daher große Portionen einfach zerteilen, indem man beide Stäbchen übereinander legt und auf das Essen drückt.

Pro Jahr werden in Japan mehr als 24 Milliarden Essstäbchen verbraucht, 90 % davon stammen aus China. Während man zu Hause in der Familie sein eigenes Paar Stäbchen besitzt, das lackiert und fein verziert sein kann, bekommt man im Restaurant nur solche zum Wegwerfen. Der hohe Verbrauch wird zu einem echten Umweltproblem. Daher gibt es Versuche, Essstäbchen aus Kunststoff oder Metall zu etablieren.

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Kaizen

Der ewige Kreislauf

 

Japans Metropole, aufgebaut auf dem Kaizen-Konzept

Finanzberater Masaaki Imai erklärt Japans wirtschaftlichen Erfolg mit einem einzigen Wort: kaizen. So lautet auch der Titel seines Buches, das den Begriff 1986 weltweit als Strategie für Firmen verankerte.

Kaizen bedeutet »Veränderung zum Besseren« und beschreibt ein Konzept zur Verbesserung der Arbeitsleistung. Die Idee von kaizen wird aber auch bei Behandlungen von Kranken, in der Psychotherapie und in anderen Industrien eingesetzt. Was also macht Kaizen so beliebt und universal?

Kaizen ist ein Prozess der Reinigung: Man betrachtet einen Vorgang oder Arbeitsschritt, sucht störende oder sinnlose Faktoren und merzt sie aus. Als »störend« im Arbeitsprozess gilt allerdings nicht der Mensch, der ihn ausübt, sondern alle Elemente, die ihn stören könnten. Das kann die Farbe des Schreibtisches, die Kommunikationskette in der Hierarchie oder übermäßig schwere und belastende Arbeit sein. Die Idee des kaizen dient nicht nur dem Fließbandarbeiter, sondern auch dem Geschäftsführer. Autohersteller Toyota hat das Konzept in allen Werkstätten weltweit umgesetzt.

Es ist ein unendlicher Kreislauf von Produktion, Analyse der Produktion, kollektiver Sammlung von Verbesserungsvorschlägen aller Mitarbeiter und Anpassung der Arbeitsschritte.

Eingeführt wurde das Konzept nach dem Zweiten Weltkrieg. Es basiert auf Vorschlägen der Amerikaner, die den Aufbau der zerstörten Wirtschaftsnation so effizient wie möglich gestalten wollten. Teamwork, Disziplin und verbesserte Moral gelten als Kernprinzipien.

Wenngleich kaizen also kein japanisches Konzept ist, es fiel auf fruchtbaren Boden und wird bis zur Perfektion bis heute umgesetzt. Ideen wie Disziplin und Harmonie der Gruppe, die zu den japanischen Werten zählen, sind elementar bei kaizen. Die »Reinigung« von Faktoren, die den Menschen stören, ist ein Grundthema im Shinto. Und die Verbesserung des Produktes ist schlussendlich auch nur eine andere Form von ernsthafter Höflichkeit und Respekt gegenüber dem Kunden. Beides wird in Japan groß geschrieben.

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Shoganai

Es ist halt so

 

Zu warm? Was soll’s? Shoganai.

Das erste Mal hörte ich shoganai in meiner Zeit als Kellner im Restaurant. Ich brachte einem Gast eine Flasche Rotwein, geöffnet.

Ich hatte ihn aber falsch verstanden, er wollte lieber Weißwein. Da die importierte Flasche für umgerechnet 160 Euro nun schon offen war, nahm und leerte er sie trotzdem. Viele leere Gläser später sollte ich ihm noch den Wein bringen, den er ursprünglich bestellt hatte.

Zwei Weinflaschen waren leer und der Gast in guter Stimmung. Er machte Witzchen über meinen Fehler, rief mich ständig an seinen Tisch, ohne etwas zu bestellen und gab mir Spitznamen. Nach Feierabend berichtete ich davon genervt meinem Chef. Der meinte nur: »Shoganai.«

Die Wendung bedeutet soviel wie »da kann man nichts machen« oder »es ist halt so«. Fehler, wie der meine, passieren eben, und Gäste betrinken sich. Seitdem hörte ich die Wendung immer öfter. Sie ist so allgegenwärtig wie »Danke« oder »Herzlich willkommen«. Shoganai ist eine Philosophie, eine kollektive Lebenseinstellung. Sie beschreibt die Ohnmacht vor Ereignissen, auf die man keinen Einfluss hat. Das Erdbeben hat mein Haus zerstört? Shoganai. Die Arbeit ist nicht mehr zu ertragen? Shoganai. Die Politik verbessert nichts? Shoganai.

Im Westen wird der Ausruf vor allem als Resignation vor dem oft Vermeidbaren verstanden. Nach dem großen Erdbeben 2011 und dem Unglück von Fukushima machte shoganai die Runde in den Lagern der Überlebenden, die Haus und Familie verloren hatten. Deutsche Zeitungen titelten shoganai und kritisierten den Umgang mit der Atompolitik, vor der einfach nur kapituliert werde, statt sie zu hinterfragen.

Der Autor Frank U. Möser verfasste ein ganzes Buch über diese Redewendung. Seiner Meinung nach bedeutet shoganai aber nicht das Aufgeben vor einem Problem. Es ist die positive Einstellung, die einen ein Problem durchstehen lässt. Shoganai bedeutet demnach: »Es ist wie es ist, lass uns nicht ewig drüber reden und jetzt weitermachen!«

Es dauerte nicht lange, und ich benutzte shoganai selbst. Ein Auftrag ist geplatzt? Shoganai. Das Spiegelei ist beim Wenden aus der Pfanne gefallen? Shoganai. Ich konnte shoganai hier nicht ausreichend erklären? Shoganai.

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Cosplay

Des Kaiserreichs neue Kleider

 

Mehrere Tage und Wochen Arbeit stecken in jedem Kostüm.

Läuft man durch Tokyo, bekommt man manchmal den Eindruck, durch die bunte Welt des Anime zu gehen. Rosa Haare, lila Kleider und Uniformen aus fiktiven Weltraumschlachten. Cosplay ist tief verwurzelt in der Anime- und Manga-Kultur und bildet doch einen komplett eigenen Trend.

Dabei stammt Cosplay nicht einmal aus Japan. Produzent Nobuyuki Takahashi besuchte 1984 eine Science-Fiction-Messe in den USA. Dortige Fans verkleideten sich mit Kostümen aus Star Trek oder Star Wars. Das englische Wort für Kostüm und Spiel fügte der Japaner zu einem neuen Wort zusammen, um diesem merkwürdigen Verhalten einen Namen zu geben. Aus costume und play wurde so Cosplay – und ein Trend war geboren. Inzwischen assoziert man das Anziehen von Kostümen von Figuren aus der Popkultur nur mit dem japanischen Cosplay, selbst wenn die Wurzeln in den USA liegen. Die Japaner haben es massentauglich gemacht, mit geschicktem Handwerk zur Perfektion gebracht und jenseits der Grenzen von Science-Fiction geführt.

Es gibt mittlerweile Geschäfte, die Cosplay-Ware und Kostüme von populären Charakteren, wie zum Beispiel Sailor Moon, verkaufen. Die meisten Player, wie sie sich nennen, machen ihre Kostüme allerdings selbst. In Tokyo gibt es pro Woche bis zu drei öffentliche Veranstaltungen, bei denen man sein Kostüm präsentieren kann. Große Termine der Anime- und Manga-Szene, wie der Comic-Markt Comiket, sind auch eng verbunden mit Cosplay. Player nehmen die Posen ihrer Charaktere ein und lassen sich fotografieren. Je weniger Stoff, desto mehr Fotografen, scheint die eiserne Regel zu sein. Cosplayer mit erotischen Inhalten grenzen sich als Unterkategorie von den reinen Anime- und Manga-Fans ab, die durch ihre Kostüme ihre Lieblinge aus der 2-D-Welt in die reale holen.

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Samurai

Ein Land regiert von Kriegern

 

Zwei Schauspieler in Nagasaki verkörpern Samurai, die früher unter anderem für Ordnung in den Straßen sorgten

Es war Frühling und ich hatte einen Nebenjob in einem Restaurant angenommen. In der Pause stand ich draußen und lud Passanten in das Restaurant ein. Höflich winkten die meisten Leute ab und gingen weiter.

Mein Chef nahm mich beiseite und guckte ernst. »Wir sind Japaner«, sagte er, »wir sind alle kleine Samurai. Nix mit Anquatschen auf der Straße!«

Samurai sind Krieger. Sie waren allerdings keine gedankenlosen Kampfmaschinen, sondern galten als gebildet und kultiviert. Das Bild vom Samurai, der in der einen Hand das Schwert, in der anderen die Feder hält, galt als Ideal. Samurai wurden ursprünglich vom Kaiser als eine Art persönliche Garde oder Polizei rekrutiert, um Aufstände gegen ihn zu ersticken. Die Krieger formten aber auch eine eigene Armee zur Verteidigung und Eroberung. Was sie einte, war der ungeschriebene Ehrenkodex namens bushido, der die Treue zum Meister bis in den Tod definierte.

Nur wer mit einem Samurai verwandt war, hatte das Recht selbst einer zu werden. Die Kriegerkaste war dadurch dominiert von Familienclans. Im 12. Jahrhundert wurden die Samurai von einer rein militärischen Macht zu Beamten und Beratern. Diese Position nutzten sie so geschickt aus, dass sie de facto die politische Kontrolle über das Land vom Kaiser übernahmen – und sie 700 Jahre lang behielten. Bis zur Industrialisierung war Japan ein Land regiert von Kriegern. Im 15. Jahrhundert brach das System erstmals auf. Die einzelnen Familien waren zu mächtig geworden. Jeder kämpfte gegen jeden.

Anfang des 17. Jahrhunderts leitete das Ende der Kleinkriege die längste Periode des Friedens in Japan ein. Die Samurai übten sich zwar noch im Kampf, jedoch nur als Kunst und Sport. Die Industrialisierung bedeutete das Ende der Samurai. Sie tauschten ihre Schwerter gegen Gewehre, gingen in der neuen Armee auf, wurden zu Generälen oder übernahmen andere Jobs.

Heute basiert vieles in der japanischen Kultur und Gesellschaft auf den Riten der Samurai. Sie waren gebildete Bürger der Mittel- und Oberschicht. Als die Industrialisierung Wohlstand für viele möglich machte, orientierten sich die neuen Bürger am Ideal der gebildeten Elite und übernahm deren Regeln und Umgangsformen.

In Japan existiert bis heute ein Ideal des Samurai, das auch mein Chef im Restaurant übernahm. Er dreht sich um und marschierte betont breitbeinig zur Küche. Jeder Schritt wog schwer, als würde er eine Rüstung tragen. Das Samurai-Schwert ließ er wohl in der Küche.

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Kotatsu

Zentrum der Familie

 

(© Gisela von Brünken)

»Einmal unter dem kotatsu und alle Sorgen fliegen davon« – treffender kann man den Tisch mit warmer Decke nicht beschreiben. Ein kotatsu ist eine elektrische Heizung mit einer zweiten Funktion als Esstisch.

Zwischen Tischplatte und Heizspirale wird eine Decke gelegt, unter der sich die Wärme sammelt. Ein kotatsu ist allerdings nicht nur ein bloßes Möbelstück. Er ist das Zentrum der Familie. In jedem Haushalt gibt es einen, und an ihm kann man die Geschichte und die Architektur Japans ablesen.

Alles begann im Mittelalter: Eine Heizung im Haus gab es nicht, nur eine Feuerstelle als Ofen. Mit der Zeit begann man, diese Feuerstelle besser in den Hausbau zu intergrieren. Sie wurde in den Boden eingelassen, und man konnte so je nach Bedarf einen Tisch darüber stellen. Stühle gab es nicht, man saß auf den tatami-Matten auf dem Boden. Der Tisch konnte im Sommer entfernt und im Winter mit einer Decke als Heizung genutzt werden. Die ganze Familie versammelte sich in kalten Nächten am Tisch. Die wärmende Funktion setzt dabei ganz auf traditionell japanische Kleidung, deren Öffnung unten bei den Beinen liegt. Die Wärme wandert so durch die ganze Robe, bis sie am Hals wieder austritt und so auf dem Weg den ganzen Körper wärmt. Samurai war diese Art der Erwärmung im Winter allerdings zu unmännlich, hieß es. Nur Frauen würden sich über die Kälte beschweren und regelmäßig unter den Heiztisch schlüpfen. Ein Mann mit Schwert friert da lieber, sagt man.

Im 20. Jahrhundert wurde der stationäre Ofen gegen einen mobilen Heiztisch, den kotatsu, ausgetauscht. Im Winter ist er das Zentrum des Hauses. An ihm wird gegessen, gelesen, gearbeitet oder ferngesehen.

Nach einer kräftigen Mahlzeit ist es leicht, darunter einzuschlafen. Für ein kurzes Nickerchen wird das auch häufig gemacht, aber eine ganze Nacht sollte man nicht darunter verbringen, da aufgrund der Temperaturunterschiede von Ober- und Unterkörper dann eine Erkältung zu erwarten ist.

Japanische Wohnungen haben bis heute keine Zentralheizung. Der kotatsu ist im Winter also eine der wenigen Möglichkeiten sich aufzuwärmen. Er sorgt für Gemeinschaft und enge Stunden.

Im Sommer ist das Gegenstück zum kotatsu der chabudai, ein kleiner runder Tisch mit kurzen Beinen. Bekannt ist er vor allem als Metapher: Ist man verärgert oder frustriert, könnte man vor Wut den »chabudai umschmeißen« heißt es. Als sprachliches Bild hat das sogar die Landesgrenzen passiert und ist im Internet eine beliebte Art seinen Ärger zu verdeutlichen.

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Hanabi

Blüten am Nachthimmel

 

Jedes Jahr im Juli gibt es das prächtige Sumidagawa-Feuerwerk über den Dächern Tokyos

»Eine Blume aus Feuer am Himmel« – das bedeutet der japanische Name für Feuerwerk. Jedes Jahr im Sommer finden im ganzen Land riesige Feuerwerkspektakel statt.

Den Höhepunkt erreichen die Festivitäten im August, mit mehr als 200 Veranstaltungen, bei denen sich jeweils bis zu 800.000 Menschen einfinden können.

Mein erstes Feuerwerk erlebte ich im Osten von Tokyo. Freunde luden mich ein, auf dem Dach ihres Hauses das feurige Spiel im Nachthimmel zu beobachten. Schon auf dem Weg zum Dach merkte ich, das etwas Besonderes in der Stadt passierte. Die Bahn trug Kimono und war noch überfüllter als sonst. Die Straßen waren gesperrt. Überall dort, wo die Hochhäuser eine Sichtachse boten, sammelten sich kleine Gruppe auf Decken, die sie auf dem Asphalt der Straße ausbreiteten. Ich irrte derweil umher und suchte das Dach meiner Freunde.

Das Wissen um Raketen und Schießpulver erreichte Japan im 17. Jahrhundert aus China – über den Umweg eines britischen Botschafters, der dem regierenden Shogun ein Feuerwerk zum Geschenk machte. Dieser fand Gefallen an der Feuerblume im Himmel. Sie zeigte seine militärische Überlegenheit und lenkte von der drückenden Sommerhitze ab. Von da an übernahmen andere Shogune im Rest des Landes diese Tradition und ließen im Sommer rund um ihre Schlösser Feuerwerke zünden. Als erstes offizielles Himmelsspektakel gilt das über dem Fluss Sumida 1733 in Erinnerung an die Hungersnot ein Jahr zuvor, bei der eine Million Menschen umkamen. Die Feuerblume sollte sich im Wasser des Flusses spiegeln und somit zweimal blühen – für das vergangene und das neue Leben. Das Festival findet seitdem jährlich statt. Und ich suchte noch das Dach, von dem aus ich es sehen konnte.

Haruyuki Kono, Vorstand des Verbands japanischer Feuerwerker, vergleicht die Faszination von Feuerblumen für die Japaner mit der Kirschblüte. Es ist Schönheit, die nur für einen kurzen Moment aufblüht und dann wieder verschwindet. Bevor ich meine erste Feuerblume sah, hörte ich sie nur. Es dauerte eine Weile, bis ich das Dach fand. Oben angekommen gab es gebratene Grashüpfer und Bier – und das schönste Feuerwerk, das ich je sah.

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Izakaya

Ein Teller für alle

 

Ich war zum Essen eingeladen. Ein Tisch stand schon bereit, an jedem Platz lag ein feuchtes Handtuch zur Reinigung von Händen und Gesicht. So ist es in jedem izakaya üblich.

Ein izakaya ist eine japanische Kneipe. Damit sind sowohl sehr traditionelle Einrichtungen gemeint, bei denen man auf Reismatten sitzt und auf einem flachen Tisch das Essen serviert bekommt, als auch westliche Kneipen oder billige Kaschemmen. Wenngleich die Betonung darauf liegt, dort auch zu essen, geht man nach Feierabend oder mit Freunden in ein izakaya, um gemütlich zu trinken. Das bestellte Essen wird auf einem großen Teller serviert, und jeder am Tisch kann sich davon etwas nehmen. Man bestellt also nicht nur für sich, sondern für alle. Das Teilen und gemeinsame Essen ist der Kern dieser japanischen Restaurants.

Ein Abend im izakaya dauert meist mehrere Stunden. Man bestellt kontinuierlich Essen und Getränke. Am Ende geht dann das Rechnen los. Es zahlt nicht jeder, was er bestellt oder gegessen hat, sondern man teilt die Summe für alle Getränke und Gerichte durch die Anzahl der Leute am Tisch. Am Ende zählt nur die Harmonie der Gruppe.

Die Variante, dass einer für alle zahlt, wird gerne genutzt, wenn die ganze Firma oder Abteilung in die Kneipe geht. Als ich in einem Restaurant gearbeitet habe, konnte ich die Diskussionen, wer nun zahlt, oft beobachten. Ich nenne es das izakaya-Ballet. Den Regeln nach zahlt entweder der Chef oder der Dienstälteste. Langwieriger wird es, wenn der Jüngste in der Abteilung zahlen muss. Die Regeln sind klar, und jeder kennt sie. Trotzdem gebietet es die Höflichkeit, lange Diskussionen zu führen: »Ich zahle!« – »Nein, ich zahle!«, und so weiter und so fort. Jeder der Beteiligten weiß, wer wirklich zahlen muss, trotzdem wird »getanzt«. Wer das vermeiden möchte, entschuldigt sich diskret, geht zur Toilette und bezahlt dann auf dem Rückweg, denn es wird niemals am Tisch gezahlt, sondern immer an der Kasse bei der Tür.

Nachdem die Teller auf unserem Tisch geleert waren, entschuldigte sich der ältere Herr, der mich eingeladen hatte und ging zur Toilette. Als er zurückkam meinte er nur diskret, dass wir nicht rechnen müssten. Das war mir auch recht, denn ich war zu voll mit Essen um den Kopf noch zu bemühen.

Izakaya – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Japans. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Japan 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

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Strände

Land mit Meerblick

 

Das ganze Land liegt am Meer - hat aber leider wenig schöne Strände.

Da lag er. Laut Reiseführer der drittschönste Strand in der Nähe von Tokyo. Nun ja. Etwas felsig vielleicht. Und steil war er auch.

Ganz Japan ist von Küste umgeben, doch das Land hat kaum Strände. Auch wenn Reiseführer dies gerne behaupten und Bestenlisten aufstellen – einen klassischen, weißen Sandstrand findet man selten. Japans Strände sind meist eher felsig und grobkörnig. Oft sind sie auch zersetzt mit tonnenschweren Tsunami-Brechern aus grauem Beton. Sie dienen der Sicherheit, denn schon bei mittleren Windstärken türmen sich hohe Wellen auf. Surfing ist ein beliebtes Hobby, und fast an jedem Küstenabschnitt finden sich akzeptable Plätze.

Einige der schönsten Strände liegen bei Okinawa, das auch meistens das schönste Wetter im Land hat. Die Flugpreise dorthin sind allerdings auch schön teuer. Tokyo hat nur zwei Strände, die zudem künstlich angelegt wurden. Baden ist an beiden strengstens verboten – und im Wasser des Tokyoter Hafens auch nicht zu empfehlen. Schön und unbekannt ist der Strand von Shimoda.

Ein Ausflug zum Strand gehört auch in Japan zu den beliebtesten Aktivitäten im Sommer. Der dunkle Sand ist dann mit bunten Badetüchern und weißen Japanern belegt. Sommerbräune wird nämlich mit stumpfer, körperlicher Arbeit assoziiert und ist daher kein Schönheitsideal. Nur wer jeden Tag in einem harten Job unter der Sonne schuftet, ist sonnengebräunt. Bei besser bezahlten Bürojobs sieht man dagegen meistens kein Sonnenlicht. Manche Frauen haben daher im Sommer einen meist schwarzen Sonnenschirm als ständigen Begleiter dabei. Auch lange Handschuhe, die den Unterarm bedecken sind beliebte Mittel, um die Haut so weiß wie möglich zu halten.

Die Westküste Japans grenzt an das Japanische Meer und besitzt größtenteils eine Steilküste. Die Ostküste, an der sich auch Tokyo befindet, ist mit vielen Buchten und Stränden gesegnet. Sie ist daher touristisch besser erschlossen und verfügt über eine weitreichende Infrastruktur.

Das Highlight an der Westküste ist die Insel Sado, die ungefähr so groß ist wie Rügen. Sie ist die fünftgrößte Insel Japans. Da sie abgelegen in der Nähe von Niigata an der ohnehin wenig besuchten Westküste liegt, konnte sich hier über Jahrhunderte ein Naturparadies erhalten. Allerdings ohne Strand.

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Fuji

Ein Wahrzeichen, das sich selten zeigt

 

Der Vulkan Fuji ist der höchste Berg in Japan

Der Vulkan Fuji ist mit über 3.770 Metern mit Abstand der höchste Berg in Japan. Er ist das letzte Mal vor 200 Jahren ausgebrochen und kann von vielen Ecken des Landes, unter anderem auch von den Hochhäusern in Tokyo, gesehen werden. Sagt man.

in Japan geht auch der Witz um, dass der Fuji nur von der japanischen Tourismusbehörde erfunden wurde, um Reisende anzulocken. Denn ein so absurd hoher Berg in einem Inselreich wie Japan ist doch völlig unmöglich.

Der Fuji versteckt sich gerne hinter Wolken. Eigentlich hat man nur im Winter sehr gute Chancen ihn zu entdecken. Der Berg hat eine starke Bedeutung für die japanische Kultur. Seine imposante Größe, die allen Naturkatastrophen trotzt und sein stets schneebedecktes, weißes Haupt, das als ästhetisch empfunden wird, haben die Japaner über Jahrhunderte bewegt und inspiriert. Sein Name bedeutet übersetzt »reicher Krieger«. Dies ist allerdings eine moderne Bezeichnung. Unterschiedliche regionale Kulturen haben andere Bezeichnung für den Fuji gewählt. Der wahrscheinlichste Ursprung des Namens ist die Bezeichnung der japanischen Ureinwohner Ainu, die ihn fuchi nannten – ihr Wort für »Feuer«.

Der Berg kann sogar erklommen werden. Mit dem Bus oder dem Auto fährt man bequem bis zur fünften Station auf 2.300 Metern. Ab da läuft man. Allerdings nur im Sommer. Trotzdem sollte man sich warm einpacken. Jedes Jahr kommen Menschen beim Aufstieg ums Leben, weil sie das Wetter unterschätzen. Das Risiko hat ein erklärtes Ziel: Es soll Glück bringen, wenn man den Sonnenaufgang über Japan vom Fuji aus beobachtet. Dazu steigt man nachmittags auf den Berg und verbringt die Nacht in einer der Hütten.

Ein Sprichwort sagt: »Ein weiser Mann besteigt den Fuji einmal in seinem Leben – nur ein Narr besteigt ihn zweimal.« Damit ist gemeint, dass der Aufstieg weder sonderlich anspruchsvoll ist, noch beim zweiten Mal etwas anderes bietet, als beim ersten Mal.

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Ryokan

Pension für Hungrige

 

Die alte Dame im Kimono schaute besorgt. »Sprechen Sie denn Japanisch?«, fragte sie mich. Ich stammelte ein paar Worte und sie schaute voller Zweifel zur leeren Wand. Ihr gehörte das Gasthaus, in dem ich die Nacht verbringen wollte.

Es war ein ryokan, ein traditionelles japanisches Hotel in einem prächtigen Wohnhaus auf einer kleinen Insel südlich von Tokyo. In abgelegenen Gegenden, wohin sich wenige Ausländer verirren, ist Japanisch sprechen Pflicht bei der Übernachtung. Es herrschen nämliche gewisse Umgangsregeln im ryokan, die für Fremde erläutert werden müssen. Die Schuhe auszuziehen, bevor man das Haus betritt, ist eine Vorschrift. Eine andere betrifft die Verhaltensregeln im Aufenthaltsraum, der allen offensteht und meist mit Fernseher und anderen Unterhaltungsmöglichkeiten ausgestattet ist.

Es gibt auch kein westliches Bett, sondern nur einen Futon auf dem Boden. Das ließ auch die Besitzerin zweifeln, ob ihr ryokan das Richtige für mich als Westler sei. Mithilfe meines Wörterbuchs machte ich ihr dann klar, dass mein Rücken inzwischen japanisch genug war, um einen Futon zu verkraften. Immer noch skeptisch, ließ sie mir von ihrer jungen Angestellten mein Zimmer zeigen. Sie sollte auch in Erfahrung bringen, ob ich irgendwelche Allergien hätte. In einem ryokan wird den Gästen nämlich Essen serviert. Die Gasthäuser sind stolz auf ihre Küche und werben sogar damit. Die Sorge um die Sprache, um das Essen und die Regeln sind die Hauptgründe, warum Ausländern die Übernachtung in einem ryokan verwehrt werden kann. Allerdings geschieht das nur noch in ländlichen Gebieten und selbst da äußerst selten. Wenn man mit ein paar Phrasen verständlich machen kann was man möchte, wird einem sicher Einlass gewährt. Viele ryokan verfügen auch über eine angeschlossene heiße Quelle.

Die kleinere Variante des ryokan heißt minshuku. Hier ist das Essen meist nicht im Preis inbegriffen, das Bad befindet sich auf dem Flur und die Einrichtung ist den Wohnhäusern der Besitzer angeschlossen. Es ist die preiswertere Variante und in kleinen Ortschaften oft die einzige Übernachtungsmöglichkeit.

Mithilfe der jungen Angestellten konnte ich die alte Dame überzeugen, mir ein Zimmer zu geben. Das Essen am folgenden Abend war vorzüglich. Allerdings habe ich aus Versehen die Dekoration mitgegessen. »Westler lernen’s wohl nie«, dachte sich die alte Dame wahrscheinlich am nächsten Morgen, als sie mich lächelnd verabschiedete.

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Sonne

Land des Lichts

 

Als roter Punkt findet sie sich auf der Flagge des Landes, als aufgehende Sonne mit kräftigen Strahlen ist sie auf der Fahne des Militärs abgebildet.

Seit über tausend Jahren schon gilt die Sonne als Symbol für Japan. Die genauen Ursprünge sind unklar. Die Verehrung der Sonne in Form der Shinto-Gottheit Amaterasu ist seit dem 7. Jahrhundert bekannt – zur selben Zeit enstand auch die japanische Flagge, wie wir sie heute kennen.

Amaterasu ist eine der höchsten Gottheiten der Naturreligion Shinto. Der japanische Kaiser soll einer ihrer direkten Nachkommen sein. Ihr verdankt das Kaiserhaus auch seine Throninsignien: Amaterasus Spiegel, Schwert und Juwel. Alle drei befinden sich an unterschiedlichen Schreinen in Japan. Der Schrein für Amaterasu liegt in Ise, wird alle 20 Jahre abgerissen und wieder neu aufgebaut, um die Göttin zu ehren.

In Japan geht die Sonne besonders früh auf, selbst im Winter. Bereits um vier Uhr Früh sind die ersten Strahlen zu erkennen, spätestens um fünf Uhr morgens ist es das ganze Jahr über immer hell. Dafür geht die Sonne sehr früh unter. Selbst im Sommer ist es um 18 Uhr bereits dunkel.

Amaterasu geht wohl früh schlafen.

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Sommer

Heiss, laut, festlich

 

Brennt heiß auf der Haut und bei 90 % Luftfeuchtigkeit wird die Luft schwül: der Sommer in Japan.

Der Sommer ist heiß. Sehr heiß. Meist werden in Tokyo jedes Jahr die höchsten Temperaturen im Land gemessen. Gepaart mit einer hohen Luftfeuchtigkeit entspricht ein japanischer Sommer drei deutschen Sommern auf der Haut. Aber das ist in Japan nicht erst seit der Erderwärmung so. Man hat sich darauf eingestellt.

Japanische Häuser aus Holz und Papier sind mit Schiebetüren so angelegt, dass sie im Sommer möglichst viel Durchzug erlauben und die Wärme nicht speichern. Im Winter, wenn der Hintern an der Reismatte gefriert, bereut man es zwar, aber im Sommer weiß man es zu schätzen. Zudem haben heutzutage selbst traditionelle Häuser und Tempel eine kleine, aber sehr starke Klimaanlage, die per Knopfdruck einen deutschen Sommer (17 °C) zaubern kann.

Der Sommer wird eingeläutet von den Zikaden, deren Zirpen in dieser Jahreszeit das ganze Land begleiten. Teilweise erreicht ihre Lautstärke in einem Park oder unter einem Baum ohrenbetäubende Qualitäten.

Auch wenn die heiße Jahreszeit als unerträglich gilt, es gibt doch einiges zu tun. Nur im Sommer kann der Berg Fuji erklommen werden. Camping in den Bergen ist ebenfalls beliebt, um der Hitze zu entkommen. Zwischen Juli und Anfang September ist außerdem Festivalzeit in Japan. Straßenfeste, meist in oder um einen Schrein oder Tempel, gehören zur lebendigen japanischen Kultur. Bei obon-Umzügen werden in jedem Dorf und jeder Stadt andere Tänze getanzt, die sich teilweise über Jahrhunderte erhalten haben. Überall gibt es kleine Buden mit Spezialitäten oder Spielen. Zu den Festivals geht man traditionell im yukata, dem Sommer-Kimono, der mit leichtem Stoff für die heißen Temperaturen gemacht ist. In ganz Japan gibt es im Sommer auch Feuerwerke, viele davon über den Dächern Tokyos.

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Shikoku

Ruhe, Tempel, Seelenfrieden

 

Die kleinste der vier japanischen Hauptinseln war lange Zeit vom Rest des Landes isoliert. Nach dem Krieg baute man drei große Autobrücken, die das wirtschaftliche Wachstum beflügeln sollten. Doch Shikoku blieb klein.

Es gibt keine Stadt mit mehr als einer Million Einwohner, keine nennenswerte Industrie – und keinen Stress.

Shikoku ist die wohl besinnlichste Insel Japans. Bekannt ist ihr buddhistischer Pilgerweg der 88 heiligen Orte. Die gesamte Strecke ist mehr als 1.200 Kilometer lang und führt zu 88 buddhistischen Tempeln und 20 »Extra-Tempeln« ohne konkrete Nummer. Es gibt eine feste Reihenfolge, in der die Pilgerreise empfohlen wird, sie ist allerdings keine Pflicht. Es gilt auch als glücks- und segenbringend, die Reihenfolge zu verändern oder umzudrehen.

Die Pilger auf Shikoku sind in weißer Kleidung 30–60 Tage am Stück unterwegs, um die Reise des Mönchs Kūkai nachzugehen. Ob der Mönch die 88 Orte tatsächlich abgegangen ist, mit oder ohne Extra-Tempel als Bonus, ist historisch nicht eindeutig erwiesen.

Die Insel grenzt, zusammen mit Honshu und Kyushu, ein Binnenmeer namens Seto ab. Die Seto-Inlandsee ist bekannt für ihre Tausenden kleinen Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind. Die See ist ganzjährig gesegnet mit mildem Klima und reich an Fisch. Es regnet selten, daher ist die Region auch als »Land des schönen Wetters« bekannt.

Mit oder ohne Mönch, Shikoku bleibt die ruhigste Insel Japans, mit reicher kultureller Geschichte.

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Onsen

Geschenk der Götter

 

Das große onsen auf Odaiba, eine Verbindung von heißer Quelle und Vergnügungspark, in dessen Innerem das alte Japan nachgebildet wird.

Wir waren müde, verschwitzt und genervt. Meine japanische Begleiterin und ich waren seit über zehn Stunden in einem Ort unterwegs, der von Touristen und Reisegruppen überlaufen war.

Beim Essen fragten wir die Dame im Restaurant nach dem nächsten onsen. Aber, und das betonten wir sehr, wir suchten ein onsen ohne Touristen. Sie überlegte lange, zeichnete uns eine Karte und schickte uns auf den Weg.

Onsen sind die heißen Thermalbäder Japans, und nur Einrichtungen, die tatsächlich Wasser aus einer unter- oder oberirdischen Quelle benutzen, dürfen sich so nennen. Das Quellwasser sollte dabei mindestens 25 °C warm sein und wenigstens 19 vorgeschriebene Mineralien enthalten. Einem Bad darin werden heilende Kräfte nachgesagt. Onsen sind seit mehr als tausend Jahren in Japan in Gebrauch. Sie waren die erste genuin japanische Kultur, die sich nicht auf einen Import aus China zurückführen lässt. Es heißt, die Bäder seien der Ausgleich der Götter für die Naturkatastrophen. Denn ohne vulkanische Aktivitäten würde es weder Erdbeben noch heiße Quellen geben, die bis zur Oberfläche sprudeln.

Nach einem langen Fußmarsch erreichten wir das Bad. Es war eine schmucklose Hütte. Kein Vergleich zu den großen Badehäusern in den Kurorten, die von ihren heißen Quellen leben. Dort ist es auch normal, im Bademantel durch das Dorf zu laufen.

Bevor das heiße Wasser betreten werden kann, muss man sich reinigen. Man duscht vor dem Gang ins Becken. Das warme Wasser dient dann nur zur Entspannung. Japaner schätzen die entspannte Atmosphäre im 50–60 °C warmen Wasser. Tattoos sind allerdings streng verboten. Mitglieder der japanischen Mafia haben meist ihren gesamten Körper tätowiert. Früher dienten die Tätowierungen als Botschaften, die der nackte Körper im Bad vermitteln sollte. Heute wird sogar Westlern der Eintritt verboten, wenn sie nur eine Mickey Mouse auf der linken Pobacke haben. In unserem onsen sah man das allerdings nicht so eng. Vor mir ruhte ein Kopf ohne Haare auf einem dicht tätowierten Arm. Ich suchte die andere Ecke des Beckens auf. Man weiß ja nie.

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Godzilla

Wie ich lernte, das Monster zu lieben

 

Statue von Godzilla in der Nähe des Filmstudios, in dem er geboren wurde

Seit 50 Jahren stampft die Riesenechse schon auf der Leinwand durch Japan und zertrampelt dabei Tokyo und andere Großstädte.

Seinen Namen verdankt Godzilla seinem Erfinder Ishirō Honda, der 1954 eine Kreatur erschaffen wollte, die so stark ist wie ein Gorilla (gorira) und so groß wie ein Wal (kujira). Beides zusammen ergab gojira.

Godzilla ist der weltweit bekannteste Vertreter eines ganzen Filmgenres in Japan, genannt tokusatsu (»Filme mit Spezialeffekten«). Im Kino wird das Genre regiert von Godzilla, im Fernsehen von Ultraman.

Godzilla: Zwischen der erste Echse, die in den 1950er- Jahren noch in Schwarz-Weiß Tokyo zerstörte, und der modernen Variante, die auch mithilfe des Computers wüten darf, liegen 28 Filme. Damit hat Godzilla mehr Auftritte als James Bond. Filmhistoriker deuten seinen ersten Auftritt als filmische Verarbeitung der Niederlage im Zweiten Weltkrieg: Eine große Gefahr kommt von außerhalb und kann nicht aufgehalten werden. Vom vermeintlichen Anspruch der historischen Aufarbeitung hat sich die Serie inzwischen weit entfernt. Mit jeder neuen Produktion kamen neue Monstergegner hinzu, wie der Flugsaurier Rodan oder der riesige Schmetterling Mosura, die beide im Anschluss ihre eigene Filmreihe erhielten. Godzilla ist in Japan sehr bekannt, gehört aber nicht zu den beliebtesten Filmserien.

Ultraman: Die USA haben Superman, Japan setzt mit Ultraman noch einen drauf. Seit den 1960er-Jahren tritt er im Fernsehen auf. Er ist ein besonderer Mensch, der sich in einen Giganten verwandeln kann, um es mit Monstern in Godzillas Größe aufzunehmen. Allerdings nur für drei Minuten. Danach schrumpft er wieder. Es gibt inzwischen über 36 Version von Ultraman und seinen Brüdern. Alle eint die Fähigkeit, Energiestrahlen mit ihren Händen zu schießen. Die Maske von Ultraman findet man bei jedem Straßenfest und jeder Kostümparty. Kinder spielen seine Folgen nach und verrenken dabei die Arme, um wie der Held Strahlen zu schießen. Die anhaltende Popularität seines Kampfes von Gut gegen Böse erfasst übergreifend mehrere Generationen in Japan.

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Nadeshiko

Ein Bild von einer Frau

 

Zwischen der Realität und der Vorstellung, wie eine Frau sein sollte, sucht jede selbst ihren Weg.

Stark wie ein Samurai, sanft wie eine Blume – so soll sie sein. Der Begriff yamato nadeshiko bezeichnet den Archetyp der perfekten japanischen Frau. Sie hat eine Haut so weiß wie Porzellan und trägt die Haare schwarz.

Der Name ist aus den Bezeichnungen für das alte Zentrum von Japan, der Provinz Yamato, zusammengesetzt. Hier liegen die Ursprünge des Landes und die Wohnsitze der kaiserlichen Familie in den alten Hauptstädten Kyoto und Nara. Alte Tempelkomplexe, die als Weltkulturerbe gelten, zeugen noch heute von Japans Anfängen. Der Begriff yamato ist gleichbedeutend mit einer Rückbesinnung auf Tradition und alte Werte. Sportler schwören sich vor einem Wettkampf auf den »Geist Yamatos« ein.

Der Begriff yamato nadeshiko als Bezeichnung für die ideale Frau tauchte erstmals im 19. Jahrhundert auf und wurde zu Propagandazwecken genutzt. Nadeshiko ist der Name der Prachtnelke in Japan. Frauen sollten so schön und sanft sein wie eine Nelke im Wind, aber so traditionell und stark wie das Reich Yamato. Eine Mischung also aus Geisha, Samurai und Hausfrau. Eine yamato nadeshiko ist zurückhaltend und erträgt jeden Schmerz und jede Last mit Disziplin und Eleganz.

Heute findet man die Idee der nadeshiko in der Popkultur. Sie gilt als Rollenmodell für weibliche Charaktere in Filmen und Mangas. Das weibliche japanische Fußballteam, das 2011 als erstes asiatisches Team überhaupt den Weltmeistertitel gewann, wird als »die nadeshikos« bezeichnet.

Japanische Frauen, die ich zu ihrem vermeintlichen Ideal befragte, schauten nur genervt. Männer kreierten das Bild der nadeshiko, um im Krieg die Moral unter den Frauen zu erhöhen. Heute lebt es als Ideal in der Scheinwelt der Popkultur weiter. Wer in Japan eine Mischung aus Samurai, Geisha und Hausfrau sucht, braucht nur den Fernseher anzuschalten.

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High School

Lernst Du noch oder schläfst du schon?

 

In der Schule trägt man andere Schuhe, als die, mit denen man auf der Straße läuft. Jede Schule, so wie diese Junior High School auf der Insel Oshima, verfügt daher über einen Schuhschrank im Eingang.

In Japan gibt es zwei Schulwelten: Die eine ist die High School der Anime, bevölkert von Mädchen in Uniformen mit bunten Haaren. Die andere dient zur Vorbereitung auf die Uni. Bis man dorthin kommt, ist es allerdings ein weiter Weg.

In sechs Jahren Grundschule und jeweils drei Jahren an den weiterführenden Schulen wird jeden Tag nur gelernt. Das Angebot an öffentlichen Schulen wird um private Angebote ergänzt, die als gute Vorbereitung auf die Uni gelten. Zusätzlich belegen Schüler Nachhilfekurse oder Aufbau-Unterricht in Vorbereitung auf das Eintrittsexamen der Universität. Zudem sind Aktivitäten wie Sport oder Musikunterricht in die Schule integriert. Der Tagesplan eines Sechstklässlers kann durch Unterricht und solche Programme von 8–22 Uhr gehen – und dann sind die Hausaufgaben dran.

Als Schüler hat man wenig Freizeit, wenn man sich auf eine gute Uni und somit einen guten Job vorbereiten möchte. Der Unterricht selbst wird frontal geführt, wobei das Auswendiglernen im Vordergrund steht und weniger die kreative Eigenleistung. Schlafen im Unterricht wird oft toleriert. Es ist jedem selbst überlassen, wie viel oder wie wenig er lernen möchte. Die Quittung erhält man spätestens bei der nächsten Eingangsprüfung.

Die Köpfe der Schüler stecken meistens in den Büchern und haben kaum Gelegenheit, andere Aspekte der Schulzeit zu genießen. Dies erklärt vielleicht die romantisierende Vorstellung von Schule in der Gesellschaft und der Popkultur. Schulmädchen in Uniform gelten als Symbol für Jugend und Unschuld, was sie zu einem beliebten Bild in Darstellungen mit softer oder harter Erotik macht. In Anime tauchen sie mit bunten Haaren und stilisierten Kostümen auf, die auf dem Design von Schuluniformen basieren. Dabei verbieten viele Schulen ihren Schülern das Färben der Haare. So wird in der Popkultur gelebt, was real nicht existieren darf.

Als Schüler hat man sein Leben noch vor sich und hegt fantastische Träume. Die populärste Manga-Gattung, Shonen, richtet sich an Jungs zwischen zwölf und 17 Jahren und handelt stets von Helden mit großen Träumen. Ältere Jungs fühlen sich auch angesprochen und kaufen diese Comics. Oft ist der Protagonist in einem Shonen-Manga ebenfalls Schüler und der Comic spielt an der Schule.

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»Wer etwas über die Kultur und das Leben in Japan erfahren möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.« (Berliner Fenster, 24. Mai 2013)

Informationen zum Buch

Japan – Inselreich im Fernen Osten. Nichts ist für die Ewigkeit in diesem Land, das häufig von Naturkatastrophen heimgesucht wird und die Zeit der vergänglichen Kirschblüte deshalb ausgiebig feiert. Wo es weit mehr Spezialitäten als Sushi und Sake gibt und die Menschen sich für kindliche Motive ebenso begeistern wie für die altehrwürdigen Ideale der Samurai.

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Autor Fritz Schumann

Fritz Schumann hat dem Dalai Lama die Hand geschüttelt, verrückte Erfinder und exzentrische Forscher in Tokyo interviewt und ein Buch über eine Insel & ihr Atomkraftwerk geschrieben. Das alles innerhalb von einem Jahr in Japan. Der gebürtige Berliner (*1987) arbeitete als Fotograf und Journalist in der deutschen Hauptstadt, bevor er im Sommer 2009 nach Tokyo zog. Bis heute reist er regelmäßig nach Japan, von wo aus er für deutsche und japanische Medien arbeitet. Unter www.fotografritzblog.de lassen sich seine aktuellen Reisen und Recherchen nachlesen.

2014 wurde Fritz Schumann für sein Multimediaprojekt »Im Tal der Puppen« mit dem Nachwuchspreis »dpa news talent« ausgezeichnet.

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