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Casas rurales

Leben auf dem Land

 

(© Kirsten Lux)

»Hach, wie schön wäre es, in einem solchen Haus zu wohnen«, denke ich oft, wenn ich auf der Landstraße Richtung Mazo fahre. Die Strecke ist gesäumt von prächtigen Landhäusern, Fincas und Herrenhäusern im Kolonialstil. Ich kann es mir wirklich gut vorstellen, hier zu wohnen.

Als ich meinem Freund Nacho von meinem Traum erzähle, schüttelt der aber nur den Kopf. »Pero chica, ¿qué quieres en el campo?« – »Also echt, Mädel, was willst du denn auf dem Land? Ist doch viel besser und praktischer, in der Stadt zu leben!«.

(© Kirsten Lux)

Nacho ist ein junger Kerl um die 30, mit seiner Meinung steht er nicht allein. Die meisten Spanier ziehen ein Leben in der Stadt dem Landleben entschieden vor. Während mich die ewig gleichen Neubausiedlungen, die überall aus dem Boden gestampft werden, eher abstoßen, erfüllt sich für viele junge Leute und Familien in Spanien bei der Schlüsselübergabe der Traum vom Wohnen, wenn sie so eine Neubauwohnung, am besten möglichst zentral gelegen, beziehen dürfen. Individualität ist in puncto Wohnen kein besonders hoher Wert.

Die Landflucht hat Tradition in Spanien. Früher sind die Leute vom Land in die Städte gezogen, auf der Suche nach Arbeit. Die meisten jungen Spanier haben heute mit einem ruhigen, naturverbundenen Leben auf dem Land überhaupt nichts am Hut. In der Stadt ist einfach mehr los, »más movimiento«. Mittlerweile stehen in Spanien allerdings rund 1.500.000 Wohnungen leer, weil völlig am Bedarf vorbei gebaut wurde. Zum Glück gibt es gute Projekte der Landwirtschaftsbehörden: Mithilfe von Subventionen wurden viele alte Bauernhäuser zu sogenannten casas rurales umgebaut, zu schönen Landhäusern, die besonders den Individualtouristen gefallen. Auf diese Weise wurden viele Häuser vor dem Verfall und ihre Besitzer vor dem Ruin gerettet.

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Cabras

Land der Ziegen

 

(© Lisa Graf-Riemann)

»La cabra siempre tira al monte« – Die Ziege zieht es immer auf den Berg! Dieses spanische Sprichwort kommt mir während meines Wanderurlaubs in Andalusien in den Sinn. In der Ferne entdecke ich eine scheckige Ziegenherde, die geschickt über das karge Gestein springt. Das Gebimmel der Glöckchen am Hals der Tiere hat etwas Heiteres, Leichtes.

Spanien ist eine wahre Ziegenhochburg: Von rund 12 Millionen Tieren in der EU leben 25 Prozent hier, Tendenz steigend. Die Ziegenzucht erlebt gerade ein Comeback, denn die Arbeitslosigkeit treibt viele Menschen aus den Großstädten zurück aufs entvölkerte Land, und einige versuchen sich dort als Ziegenhalter. Es könnte ein Beruf mit Zukunft werden, denn die verschiedenen Ziegenkäsesorten sind auf den Märkten sehr begehrt. Eine der besten wird auf Fuerteventura hergestellt, die Milch dafür liefert die Majorera-Ziege. Sie ist auch auf dem Logo der Insel abgebildet. Ein Fuerte-Aufkleber klebt auf fast jedem Auto auf der Insel und die Ziege ziert T-Shirts und andere Souvenirs.

Die cabras haben sich die diese Ehrenbezeichnung auch verdient. Fuerte, stark, intelligent und widerstandsfähig sind sie, anpassungsfähig und anspruchslos in puncto Futter- und Wasserqualität, und dabei liefern sie nicht nur Milch. Im Zweitjob sind sie Bio-Rasenmäher. Sie fressen trockene Büsche ab und verringern somit die Waldbrandgefahr. Dabei düngen sie gleichzeitig die Böden und sehen obendrein noch witziger aus als die Mähmaschinen. Wer also als caprichosa, als zickig, oder gar als cabrón, als Mistkerl – eigentlich Ziegenbock – betitelt wird, könnte sich eigentlich fast schon wieder freuen, oder?

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Compra el gordo

Wer holt den Dicken?

 

(© Lisa Graf-Riemann)

»Tres millones de euros«, singt Ana, das Mädchen mit dem dunkelblauen Blazer, grauen Faltenrock, dunkelblauen Kniestrümpfen und flachen Schuhen, das glatte, dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden.

»Tres millones de euros«, singt sie, liest die Zahl von einer kleinen, in der Mitte durchbohrten Holzkugel ab, bringt sie an den Tisch der Aufsichtspersonen, zeigt jedem die Kugel und steckt sie schließlich auf einen von zwei vorbereiteten Metallspießen auf dem Tisch. Dasselbe macht ihr dunkelhäutiger Schulkamerad Brandon mit seiner Kugel. Auch er im blauen Blazer mit grauer Stoffhose, passend zur Uniform, die Ana trägt. »Treinta y dos mil, trescientos veintisiete«, singt er. 32.327 – das ist die eben gezogene fünfstellige Losnummer in der Gewinnklasse von 3 Millionen Euro. Die Kinder singen ihre Zahlen weiter, bis sie beide auf dem Zwillingsspieß gelandet, in die Fernsehkameras gedreht und abgefilmt worden sind. Dann werden die nächsten Kugeln aus den gläsernen Lostrommeln gezogen.

Die Ziehung der Weihnachtslotterie – el Sorteo de Navidad – am 22. Dezember ist in Spanien ein jährlich wiederkehrendes Großereignis, das keiner versäumt. Über 90 Prozent der Menschen kaufen selbst Lose oder bekommen welche geschenkt, und alle, alle fiebern sie vor dem Fernseher bei der Ziehung mit. Und es müssen jedes Jahr wieder die Kinder des Colegio de San Ildefonso, einer der ältesten Madrider Schulen, in ihren blaugrauen Schuluniformen sein, welche die gezogenen Nummern und Gewinne vorsingen. Für Gewinner schickt es sich, den niños de San Ildefonso einen Anteil abzugeben.

Die Ziehung aller Gewinnlose dauert etwa drei Stunden. So lange müssen alle durchhalten, singende Kinder wie mitfiebernde Losbesitzer. Denn wann der gordo, der dicke Hauptgewinn, gezogen wird, weiß keiner. Der gordo war 2011 mit vier Millionen Euro so schwer wie nie. Die Lose mit der Gewinnziffer wurden in einem kleinen Ort in Aragón gekauft. Wer ein décimo (Zehntellos) von dieser Losnummer besaß, bekam ein Weihnachtsgeld von 400.000 Euro überwiesen.

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Hojas de reclamaciones

Beschwerdeblätter

 

(© Kirsten Lux)

»Tenemos a disposicion de los clientes las hojas de reclamaciones« – »Den Gästen stehen Beschwerdeblätter zur Verfügung.«

Dieses Schild findet man, meist mehrsprachig, in jedem Geschäft und Restaurant sowie in allen Bars Spaniens. Meist ist es mit Reiszwecken an einen vergessenen Winkel gepinnt oder es geht neben zig weiteren Blättern und Notizen unter. Manche Geschäftsleute adeln dieses Blatt Papier aber auch mit einem schönen Rahmen und hängen es gut sichtbar für alle Kunden und Gäste auf. So unterschiedlich sie auch platziert sein mögen, die Hinweise auf die Beschwerdeblätter müssen in jedem Lokal aufgehängt und bei Bedarf ausgehändigt werden. Aber wer verlangt sie? Wann kommen sie zum Einsatz und wohin werden sie dann geschickt?

Eines ist sicher: Wer ein Beschwerdeblatt anfordert, der hat nicht nur einen lauwarmen Kaffee oder ein trockenes Hefegebäck bekommen. Denn solche Dinge regelt man auf freundschaftliche Weise mündlich. Die Gastronomie ist dennoch der Haupteinsatzort für die hojas. Wer seine patatas fritas (Pommes frites) in altem Frittierfett gebacken bekommt oder eine ensalada rusa (Salat mit Mayonnaise), die schon Beine bekommen hat, und das vielleicht nicht zum ersten Mal, der füllt ein Beschwerdeblatt in gut leserlicher Schrift aus, behält zwei Durchschläge (den weißen und den grünen) und reicht es dann beim consumo, der Dirección General de Consumo (spanische Verbraucherschutzbehörde), ein. Denn schließlich will der gewissenhafte Bürger auch seine Mitmenschen vor derartigen Pleiten bewahren. Es muss aber schon algo muy grave (etwas sehr Schwerwiegendes) geschehen sein, damit eine Anzeige fällig wird.

Oft müssen die Ladeninhaber sowieso erst in den Tiefen irgendwelcher Schubladen suchen, bis sie die Blätter überhaupt finden. Aber allein die Frage nach dem Beschwerdeblatt fördert manchmal die Bereitschaft zum Dialog ganz enorm.

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Medianoche

Mitternacht

 

(© Lisa Graf-Riemann)

Die Mitternacht ist in Spanien keine Geisterstunde, zu der die Straßen leergefegt sind und Ruhe eingekehrt ist. Zumindest nicht in den Städten und nicht an Freitagen und Samstagen.

Denn dann herrscht um Mitternacht ein Verkehr wie bei uns zur Rushhour. Es gibt Staus, hupende Taxis, die versuchen, sich zu ihren Kunden durchzukämpfen, U-Bahn-Stationen, in denen es wie im Ameisenhaufen zugeht. Die Lokale sind brechend voll, es wird gegessen bis Mitternacht, noch eine und noch eine Runde Tapas bestellt. Kino- und Theatervorstellungen enden kurz vor oder sogar erst nach Mitternacht. Die allermeisten Lokale kennen keine Sperrstunde. Im Gegenteil. Es werden Tische und Stühle in Passagen und auf Terrassen gestellt. Im Winter noch ein paar Heizstrahler dazu, und alles ist im Lot.

(© Lisa Graf-Riemann)

Freunde, Familien – in den Wochenendnächten sind sie alle draußen, als gäbe es ein geheimes Signal, das verkündet: Heute Abend ist Ausgang, ihr müsst aber auch wirklich alle kommen. So gehört es auch zum ganz normalen Bild, dass die Kinder mit dabeisitzen um Mitternacht und auch noch danach. Von Müdigkeit keine Spur. Oft führt der letzte nächtliche oder morgendliche Gang die Familienclans und Freundescliquen noch in eine chocolatería, wie hier auf dem Bild in das Madrider Traditionscafé San Ginés in der gleichnamigen Passage unterhalb der Plaza Mayor. Aufgenommen wurde das Foto gegen zwei Uhr, an einem Samstagmorgen im November. Bei einer Außentemperatur von gerade mal acht Grad plus. Medianoche heißt ja auch halbe Nacht. Die andere Hälfte kann man schließlich immer noch verschlafen.

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Cambio de guardia

Wachwechsel zu Pferd

 

(© Markus Claeßens)

Eine pompöse Inszenierung der Monarchie und ein touristisches Spektakel ist der wöchentliche Wachwechsel am Königspalast in Madrid. Immer mittwochs zwischen 11 und 14 Uhr, wechseln halbstündlich Teile der Infanterie und stündlich die berittenen Wachen in ihren blau-roten Paradeuniformen aus dem 19. Jahrhundert.

Richtig feierlich wird es einmal im Monat, jeweils am ersten Mittwoch, wenn um 12 Uhr mittags, high noon, 400 Wachen und 100 Pferde, begleitet von Pauken, Trompeten und Piccoloflöten zum Wachwechsel antreten, unter Hunderten von klickenden Digitalkameras der Schaulustigen. Der Madrider Palacio Real macht damit dem Londoner Buckingham Palace Konkurrenz. Dazu wurde der Wachwechsel ja auch wieder eingeführt. Erst seit 2007 gibt es den Cambio de guardia und den Revelo solemne de la Guardia Real, wie er offiziell heißt, den feierlichen Wechsel der Königlichen Wache.

Clevere haben sich schon frühzeitig die besten Plätze am Gitter vor dem Königspalast und auf den Stufen der Almudena-Kathedrale gesichert und erwarten die Uniformierten mit einer ähnlichen Spannung wie die Radrennfahrer bei der Vuelta a España. Im Gegensatz zu London, scheint in Madrid meistens die Sonne dazu und lässt die Tressen und Goldknöpfe an den Uniformen glänzen und den Stahl der Waffen blinken. Ein Anachronismus, eine Inszenierung. Sie findet ihren Abschluss in einem Standkonzert auf der gegenüber liegenden Plaza de Oriente.

Und dann gehen alle weiter, die Bustouristen zu ihren Bussen, die Teilnehmer an der Stadtführung zur nächsten Sehenswürdigkeit oder zum nächsten Spektakel. Die Individualtouristen, die mehr Zeit haben, schlendern durch den Park, wo sich ein Akkordeonspieler eingefunden hat und ein bisschen Pariser Flair verbreitet. Gleich nebenan bietet sich das Café de Oriente als stilvoller Ort der Erholung und Stärkung an. Seine historische Anmutung ist zwar ein Fake, tatsächlich wurde es erst in den 1980er-Jahren eingerichtet. Schön ist es trotzdem.

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Azúcar

Das arabische Erbe Spaniens

 

Was hat Zucker mit den Arabern zu tun? Aus dem Arabischen stammt das Wort (as-sukkar) und über Spanien kam es nach Europa. Fast 800 Jahre war Spanien von Arabern besetzt, nur eine kleine Enklave im Norden, im Kantabrischen Gebirge, blieb unbesetzt und von dort wurde die Reconquista, die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel betrieben. 1492 fiel Granada als letzte arabische Bastion, es war dasselbe Jahr, in dem Kolumbus Amerika entdeckte.

Der arabische Einfluss war zu der Zeit bereits tief in der Kultur und Lebensweise der Spanier verwurzelt, obwohl die Katholischen Könige und alle nachfolgenden Herrscher versuchten, dieses Erbe zu tilgen. Gott sei Dank ist das nie ganz gelungen, sonst könnten wir heute keine Alhambra mehr besuchen und keine Mezquita in Córdoba.

(© Kirsten Lux)

Im spanischen Wortschatz haben über 1.000 Lehnwörter aus dem Arabischen bis heute überlebt. Man erkennt sie am Anfangsbuchstaben a, der dem arabischen Artikel entspricht: aceite (Öl), aceituna (Olive), alcázar (Schloss), azahar (Orangenblüte), almohada (Kopfkissen) stammen aus dem Arabischen. Und natürlich das schöne ojalá (hoffentlich), in dem das Wort Allah steckt. Es bedeutet ursprünglich »so Gott will«.

Heute leben in Spanien wieder etwa 1,5 Millionen Moslems, die meisten von ihnen sind aus Marokko und anderen nordafrikanischen Ländern eingewandert. Es gibt wieder arabische Teehäuser (teterías), Geschäfte und Moscheen. Als 2010 moslemische Besucher allerdings versuchten, in der Mezquita von Córdoba, die im Mittelalter als Moschee erbaut und später als christliches Gotteshaus umgewidmet wurde, ein moslemisches Gebet zu sprechen, schritten die Wärter ein und eine Welle der Empörung ging durch die Presse im ganzen Land. Von Toleranz und Akzeptanz ist das heutige Zusammenleben von Christen und Moslems in Spanien bisweilen noch weit entfernt.

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Los cumplidos

Umgang mit Komplimenten

 

»Oh, das ist aber eine hübsche Bluse, die du anhast.« – »Ja, nicht wahr? Ich finde sie auch ganz toll.« Tapp!

»Also die Rede, die du eben gehalten hast, war wirklich beeindruckend.« – »Danke! Ich bin auch ganz überrascht, dass es so gut gelaufen ist.« Tapp, tapp! »Du siehst gut aus mit deiner neuen Frisur.« – »Oh, danke für die Blumen!« Und ein drittes Mal hineingetappt.

Es ist nicht so, dass Spanier unempfänglich für Komplimente wären oder sich nicht darüber freuten. Aber sie würden ein Kompliment nicht einfach annehmen und sich dafür bedanken. In Spanien geht das im Fall der Bluse etwa so: »Ach, die ist doch schon ziemlich alt. Trägt man die heute überhaupt noch? Und ich weiß gar nicht, ob die Farbe mir überhaupt steht ...« – »Doch, doch, die sieht toll aus.« – »Meinst du wirklich?«

Die Devise heißt: herunterspielen, kleinmachen, bescheiden sein. Das ist wie bei Köchinnen, deren Essen man lobt, die aber immer selbst ein Haar in der Suppe finden und besorgt nachfragen, ob die Pastete nicht doch zu wenig gewürzt oder das Fleisch nicht doch eine Spur zu trocken geraten sei. Man muss beim Lob immer noch eins drauflegen und beteuern, dass man es wirklich erst meint, bis es tatsächlich geglaubt und angenommen wird. Und so geht es nicht nur den Köchinnen. Komplimente einfach so anzunehmen, gilt fast als frech und unbescheiden.

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El burro català

Der katalanische Esel

 

(© sordmut/wikimedia)

Der katalanische Esel ist, so könnte man sagen, von Natur aus ein Feind des spanischen Stiers. Burro und toro sind starke nationalistische Symbole – auf jeden Fall aus der Sicht der Katalanen.

Der Stier ist für sie das Symbol für das zentralistische Spanien, der Esel sein katalanischer Gegenpol. Ein Zeichen für die Stärke und Selbstständigkeit Kataloniens. Catalunya hat einen weitreichenden politischen Autonomiestatus, wenn auch nicht die politische Unabhängigkeit, wie katalanische Nationalisten sie wünschen.

Die Auseinandersetzungen und Reibungspunkte sind vielfältig: Hier Madrid als Landeshauptstadt, dort die schärfste Konkurrentin Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens, mit eigener Presse, eigenen Fernsehsendern, eigener Sprache und Kultur. Hier español oder castellano als Amtssprache für ganz Spanien, dort català als Regionalsprache und zweite Amtssprache, die von etwa 11,5 Millionen Menschen in Catalunya und auf den Balearen gesprochen wird. Hier die spanische Flagge – rot, gelb, rot, mit dem königlichen Wappen –, dort die katalanische Flagge mit den fünf gelben und sechs roten Streifen.

Nach der langen Zeit der Unterdrückung alles Katalanischen während der Franco-Diktatur (1939–1975) fordert nun der katalanische Esel den Stier heraus. Dass der Stierkampf in Katalonien mittlerweile verboten ist, mag da vielleicht mehr als eine Randnotiz sein.

El burro català – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Spaniens. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Spanien 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

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Servilletero

Der Serviettenspender

 

Servietten gehören in Spanien unbedingt auf jeden Tisch und jeden Tresen. Ein Café, eine Bar, eine barra (Theke) ohne servilletas ist in Spanien undenkbar.

Sie kommen aus einer Spenderbox. Traditionell ist das ein stabiler Metallkasten mit gutem Standvermögen und prall gefüllt mit Papierservietten, die sich mit einer gefalteten Seite zum Herausziehen anbieten. Weiß sind sie, aus dünnem Papier und oft mit Aufdruck des Lokals, das sie seinen Gästen zur Verfügung stellt.

Eigentlich denkt man, diese Boxen müssten ewig halten und von Generation zu Generation weitervererbt werden. Aber nein, überall wird gespart, am Papier, am Platz, am Material. Und so gibt es heute auch hässliche Boxen aus Plastik und außerdem solche aus Karton. Die sind klein, rutschig, leicht und billig. Und das Dumme daran ist, dass man dafür zwei Hände braucht: eine zum Festhalten der Box, eine zum Herausziehen der noch dünneren und kleineren Serviette. Und die Serviette selbst ist geschrumpft zu einem einzigen Blatt, ungefaltet. Wie schlechtes Klopapier. Aber Jammern hat auch keinen Sinn. Irgendwann gibt es sie bestimmt wieder, die guten alten Dinge. Auch den stabilen servilletero.

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Los Reyes Magos

Die Heiligen Drei Könige

 

Gestatten: Gaspar, Melchor, Baltasar. Wir sind die drei Weisen aus dem Morgenland. Und in Spanien stehen wir nicht stumm um den Stall von Bethlehem herum, sondern wir sind wichtig, uns lieben die Kinder, auf uns warten und hoffen sie.

Und damit wir dem Niño Jesús (Jesuskind) nicht die Schau stehlen am Tag seiner Geburt, dem Fest der Liebe und der Familie, kommen wir erst zwei Wochen später, am Vorabend des 6. Januar, nach Spanien.

Wir kommen in Schiffen übers Meer gefahren, denn der Landweg aus dem Orient ist doch sehr beschwerlich. Wir sind prächtig gekleidet, tragen farbige Umhänge, unser Haar und unsere Bärte sind lang, so wie es eben zu unserer Zeit üblich war. Wir tragen Kronen und unser Kollege, der Mohr, einen Turban. Unsere Pagen kümmern sich um die schwer beladenen Kamele. Denn wir sind es, die den spanischen Kindern die Geschenke bringen, die sie sich so sehr gewünscht haben.

Mit der Königspost sind die Briefe der Kinder in unserem Postamt angekommen und wurden alle, alle gelesen. Und da wir alles wissen, überblicken wir auch, wer wirklich brav war und wer ein bisschen gemogelt hat. Weil wir gute Könige sind, drücken wir aber auch bei den Moglern ein Auge zu. Erst streuen wir nur Bonbons aus, aber wenn die Kinder nach Hause gehen, sind unsere Päckchen ausgeliefert und die Freude ist groß. Die allerwenigsten finden ein Stück Kohle vor anstelle eines Geschenks. Ein Hinweis der Eltern, dass diese Kinder den Geduldsfaden ihrer Erziehungsberechtigten überdehnt haben. Nach einem Reuebekenntnis und dem ehrlichen Geloben von Besserung wird die Kohle aber meist doch noch ersetzt durch etwas Bunteres, Größeres, Rechteckiges mit Schleife.

Santa Claus? Papá Noel? Wer soll das bitte sein?

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El desayuno

Spanisches Frühstück

 

Über das spanische Frühstück wird viel gelästert. Natürlich darf man sich darunter keinen sich biegenden Tisch mit verschiedenen Brötchensorten, Marmeladen, Käse, Wurst, Eiern etc. vorstellen.

Das spanische desayuno ist anders, aber auch gut, wie ich finde. Der Kaffee schmeckt zum Beispiel auf jeden Fall köstlich und als besonderen Luxus gibt es meist zumo natural de naranja (frisch gepressten Orangensaft) dazu. Zu essen gibt es eine tostada, eine Scheibe gebutterten Toast mit einem Töpfchen Marmelade. In Andalusien kann man statt Butter auch Olivenöl auf den Toast träufeln, das grüne Fläschchen steht einladend auf dem Tisch.

Und wer jetzt über die Kargheit dieses Frühstücks lästert, dem sei gesagt, dass es sich dabei lediglich um das erste Frühstück handelt. Es gibt auch noch ein zweites, wofür die Angestellten und die Schulkinder zwischen 10 und 12 Uhr für eine halbe Stunde frei bekommen. Dann darf es gern ein bocadillo (belegtes Brötchen) sein, dazu ein Glas Saft oder ein Erfrischungsgetränk. Denn bis zum Mittagessen gegen 14 Uhr ist es noch weit.

An den Wochenenden wird schon auch geschlemmt, weniger in die salzige als in die süße Richtung. Eine Tasse Schokolade und ein halbes Dutzend churros (frittierte Schmalzkringel), und man brächte beim besten Willen kein Frühstücksei mehr hinunter.

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Chiringuito

Die Strandbar

 

(© Gabi Fischer von Weikersthal)

Ein chiringuito ist eine Mischung aus Kiosk und Strandbar. Er kann eine halbnomadische, offene Zeltkonstruktion sein oder auch eine feste Einrichtung, ein Häuschen für ein meist kleineres Lokal am Strand oder in Strandnähe.

Im Grunde braucht jede playa, also jeder Strand, und jeder playero, jeder Strandbesucher, sein chiringuito. Wo sonst könnte er sich von der Hitze erholen und sich mit einem refresco, einem Erfrischungsgetränk, oder einer cerveza, einem kühlen Bierchen, den Sand von Lippen und Zunge spülen. Was für eine Wohltat!

Schatten und kühle Getränke sind die Mindestausstattung jedes chiringuitos. Die Pflicht sozusagen. Die Kür sind bocadillos (belegte Brötchen) und frisch zubereitete Tapas mit dem, was das Meer hergibt: sardinas (Sardinen), gambas (Garnelen), calamares (Tintenfisch) oder mejillones (Miesmuscheln). Billig sind Tapas eigentlich nie, auch im chiringuito nicht. Aber die Häppchen sind ja auch nur als Aperitif gedacht, man isst eine oder zwei Tapas, nicht mehr. Und Aperitifzeit ist in Spanien, wenn in Deutschland das Abendessen schon wieder vorbei ist, also gegen 19 bis 20 Uhr.

Die Mutter aller chiringuitos ist ein weiß-blaues Häuschen am Strand von Sitges, 35 km südlich von Barcelona. Seit 1913 steht schon das gleiche Hüttchen hier, wenn auch nicht immer dasselbe. Denn es wurde mehrfach von der Flut hinweggespült, aber immer wieder originalgetreu wiederaufgebaut.

Relaxen, genießen, sich den Wind um die Nase wehen lassen, picar algo, eine Kleinigkeit essen, ein kühles Getränk schlürfen und dabei die Leute beobachten. Das ist Urlaub, Müßiggang, Entschleunigung.

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Mi casa es su casa

(K)eine Einladung

 

»Pasa por mi casa«, hat Andrés uns nachgerufen beim Abschied – »Kommt doch mal vorbei.« Aber wir wissen schon: Das ist nett gemeint, aber nur eine Floskel.

Mit den auf diese Weise ausgesprochenen Einladungen ist es in Spanien so ähnlich wie in den USA: Sie sind eine freundliche Geste, hinter der nicht wirklich viel steckt. Stünden wir morgen vor Andrés’ Haustür, würden wir ihn wohl sehr in Verlegenheit bringen. »Mi casa es tu casa« – als Lorena mir die Woche darauf das Angebot »Mein Haus ist dein Haus« macht, weiß ich schon Bescheid und bedanken mich für die Geste, werde aber bestimmt nicht bei ihr aufkreuzen.

Eine ernst gemeinte, private Einladung erkennt man am konkreten Datum und der Uhrzeit sowie an einem Motiv. Viel eher jedoch trifft man sich in der Bar an der Ecke oder nach der Arbeit zum Aperitif, zu einem Bierchen, einer Tapa ... Die meisten Begegnungen spielen sich in Spanien draußen, im öffentlichen Raum, auf der Straße, in einer Bar, ab. Das Haus, die Wohnung, der private Raum sind für die Familie reserviert und bleiben meist auch privat.

Wenn man eine private Einladung erhält, dann sollte man in jedem Fall nicht nur Straße und Hausnummer, sondern auch Stockwerk und Wohnungsnummer erfragen, sonst steht man an der Haustür und erkennt den Wald vor lauter Bäumen nicht. Denn in Spanien finden sich keine Namen am Klingelschild, nur Abkürzungen: »3° izda. B« heißt »3. Stock, links, Wohnung B«. Das muss man wissen, sonst hilft nur ein Anruf. Und auch am Telefon meldet sich niemand mit Namen, sondern mit einem relativ unpersönlichen »¿Diga?« oder »¿Dígame?« (»Hallo? Sprechen Sie!«) oder auch nur »¿Sííí?« (»Ja, bitte?«). Der Schutz der Privatsphäre geht so weit, dass erst der Anrufer seinen Namen nennt, bevor der Angerufene zugibt, dass er derjenige ist, den der Anrufer erreichen wollte. Im Falle von Versicherungsangeboten oder Zeitschriftenabos ist das eigentlich ganz praktisch.

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Torcedor de puros

Die Kunst des Zigarrenrollens

 

(© Kirsten Lux)

Spanier rauchen immer noch gern und viel, auch wenn das Rauchen in Lokalen und öffentlichen Gebäuden inzwischen genauso verboten ist wie bei uns.

Aber während in Deutschland immer mehr Leute die Finger von den Glimmstängeln lassen, wird in Spanien fröhlich weiter gequalmt, so hat man jedenfalls den Eindruck.

Ein guter puro (Zigarre) wird ebenfalls immer noch sehr geschätzt. Immerhin war es Christoph Kolumbus, der als erster Europäer die Zigarre auf Kuba kennen- und lieben lernte und die Tabakpflanze nach Europa exportierte. So wurde die Zigarrenherstellung ein wichtiger Industriezweig, und insbesondere Spanien stellte große Mengen davon her.

Auch heute noch wird auf dem spanischen Festland Tabak angebaut, mehr noch auf den Kanaren. Puros werden traditionell per Hand gedreht, und etwa drei Dutzend torcedores (Zigarrendreher) gibt auf den Inseln heute noch. Die Qualität der kanarischen Zigarre wurde nicht nur vom spanischen König geschätzt, sie gilt als Geheimtipp unter allen Zigarrenliebhabern. König Juan Carlos hat allerdings kürzlich von seinen Ärzten ein Rauchverbot erteilt bekommen.

Puros kann man auf den Kanaren an jeder Straßenecke erwerben, in Bars, Souvenirläden oder Tabakgeschäften oder aber auch direkt beim Hersteller in dessen Werkstatt. In der Regel hat der torcedor auch nichts dagegen, wenn man ihm ein wenig bei seiner meditativen Arbeit zusehen möchte.

Der Handel mit den puros ist immer noch lukrativ, sind sie doch ein beliebtes Mitbringsel aus dem Urlaub, und zumindest in Spanien erfreut sich das gemeinsame Paffen einer Zigarre, speziell nach einem mehrgängigen Essen, immer noch einer sehr großen Beliebtheit.

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La Semana Santa

Die Karwoche

 

(© Kirsten Lux)

Schaurig und gruselig geht es zu am Viernes Santo (Karfreitag) in Spanien. Obwohl die Straßen voller Menschen sind, ist es mucksmäuschenstill.

Am Mittag haben die Hauptprozessionen der Karwoche begonnen. Die nazarenos, Männer in schwarzen Kutten und mit charakteristischen Spitzhauben, laufen meist barfuß durch die Straßen, schleifen rasselnde Ketten an den Füßen hinter sich her und schwenken duftende Weihrauchlampen. Die penitentes (Büßer) schleppen schwere Holzkreuze auf ihren Schultern. Auch sie tragen Spitzhauben, deren Spitze aber, anders als bei den nazarenos, nach hinten hängt. Sie tragen das Kreuz über die vorgeschriebene Strecke, deren Ausgangspunkt immer die Kirche der jeweiligen hermandad oder cofradía (Bruderschaft) ist. Die ganze Plackerei steht sinnbildlich für die letzten qualvollen Stunden Jesu Christi vor seiner Kreuzigung.

Die dritte Gruppe sind schließlich die costaleros. Sie tragen die schweren, aufwendig geschmückten pasos (prunkvolle Tragegestelle mit Marien- oder Christusfiguren oder ganzen Passionsszenen) durch die Gassen. So ein Gestell kann bis zu einer Tonne wiegen. Für die Träger ist ihr Amt aber eine große Ehre und ein paar gesammelte Pluspunkte im Hier und Jetzt können ja später nie schaden. Manche Züge werden von Orchestern begleitet, die mit Pauken und Trompeten für die musikalische Untermalung sorgen. In Andalusien, besonders in Sevilla und Granada, finden alljährlich die berühmtesten und größten Prozessionen statt. Ein Event, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte, wenn man in der Nähe ist – ob nun als überzeugter Gläubiger oder Atheist. Spätestens bei der Saeta al Cristo de los Gitanos, dem Klagelied an den Christus der Zigeuner, das gesungen oder vom Orchester gespielt wird, bekommt jeder eine Gänsehaut.

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Plaza Mayor

Der Hauptplatz

 

Gibt es etwas Typischeres in stolzen, spanischen Städten als ihre Plaza Mayor, den größten und schönsten Platz, rechteckig und komplett umbaut von mehrstöckigen historischen Gebäuden, im Erdgeschoss ein Arkadengang, unter den sich kleine Geschäfte, Lokale und Terrassencafés ducken?

Die größte und berühmteste ist die Madrider Plaza Mayor, ein rechteckiger Platz von 129 Metern Länge und 94 Metern Breite, ganz von viergeschossigen Gebäuden umgeben, von denen das berühmteste die Casa de la Panadería, das Haus der Bäckerei, ist. Insgesamt 237 Balkone kann man von der Plaza aus zählen. Neben Andenkenläden finden sich auch kleine Traditionsgeschäfte unter den Arkaden, ein Hutladen, Treffpunkte für Briefmarken- und Münzsammler. Angelegt wurde der Platz im 17. Jahrhundert. Über die Jahrhunderte erfüllte er die verschiedensten Zwecke: Er war Markt, Stierkampfarena, Fußballstadion, öffentlicher Kunstraum und im finsteren Zeitalter der Inquisition Schauplatz für die Prozesse gegen vermeintliche Ketzer, die sogenannten autos de fe (Autodafés). Heute findet auf ihm der bekannteste Weihnachtsmarkt ganz Spaniens statt.

Auch Salamanca hat eine schöne und berühmte Plaza Mayor, sie ist mit 82 × 80 Metern etwas kleiner und fast quadratisch. Ihr Bodenbelag aus Granit stammt aus den 1950er-Jahren. Zuvor gab es auf dem Platz eine Gartenanlage und rundherum Kopfsteinpflaster. Auch das andalusische Córdoba hat eine wunderbare rechteckige und ganz umbaute Plaza, 55 × 113 Meter groß, nur heißt sie nicht Plaza Mayor, sondern Plaza de la Corredera. Auch sie war einst Schauplatz von Stierkämpfen und mittelalterlichen Reiterspielen.

Heute laden Spaniens plazas mayores vor allem zum Flanieren und zum Staunen ein. Eine caña (kleines Fassbier) unter einem der Sonnenschirme der Terrassencafés oder ein café con leche (Milchkaffee), ein bocadillo (belegtes Brötchen) dazu oder ein Teller Tapas, und dann: genießen, sich in andere Zeiten denken und gern wieder zurückkommen in unsere und an den schönen Ort, an dem man gerade das Glück hat, sich zu befinden.

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Flamenco

Leidenschaft als Musik

 

Die großen Sänger, Musiker und Tänzer des Flamenco erhalten irgendwann einen Künstlernamen, ähnlich wie die berühmten und vom Publikum geliebten Stierkämpfer.

Camarón de la Isla (wörtlich »Sandgarnele von der Insel«), war einer dieser Helden. Der Sänger wurde auf einer Halbinsel in der Provinz Cádiz geboren und war zeitlebens dünn – wie eine Sandgarnele. Er entstammte einer Roma-Familie mit acht Kindern. Der große Fosforito (»das Zündhölzchen«), Tomatito (»Tomätchen«) oder der legendäre Gitarrist aus der Camargue, der Manitas de Plata (»Silberhändchen«) getauft wurde, waren ebenfalls verehrte Idole der Szene. Es werden ihnen sogar Denkmäler gesetzt. Von Camarón gibt es, soweit wir wissen, mindestens zwei.

Worum geht’s beim Flamenco? Um Gefühl natürlich, um das eine, ganz große, und um viele kleinere, oft schmerzhafte. Und Flamenco klingt, wenn er nicht verkitscht ist, immer eigenartig, seltsam und fremd. Gerade deshalb lässt er die wenigsten Menschen ganz kalt. Entweder man liebt ihn oder man kann nichts damit anfangen.

Flamenco ist Seele und Technik. Er besteht aus drei Teilen: cante (Gesang), toque (Spiel der Gitarre) und baile (Tanz). Die Rhythmus-Sektion übernehmen cajón (ein Schlaginstrument, auch »Rumbakiste« genannt), castañuelas (Kastagnetten) und palmeros (professionelle Klatscher), die ihre Finger und Handflächen (palmas) wie ein Instrument einsetzen.

Es gibt zwei Hauptstilrichtungen: den Flamenco Jondo mit den Liedformen Bulería, Farruca, Martinete, Minera, Petenera, Soleá und Tiento. Er ist die ernsthaftere Variante, die tiefe Gefühle ausdrückt. Der Flamenco Festero oder festlicher Flamenco ist fröhlicher. Dazu gehören Alegría, Fandanguillo, Sevillana, Rumba und Tanguillo.

Flamenco ist romantisch in dem Sinne, dass er dazu neigt, das Leben der gitanos, der spanischen bzw. andalusischen Roma, zu verklären. Andererseits bietet er einer in der spanischen Gesellschaft marginalisierten und diskriminierten Minderheit eine Möglichkeit, Anerkennung, Ruhm und Ansehen zu erwerben und von der Bühne aus in die Gesellschaft zu wirken.

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Una piñata

Es regnet Süßes

 

Die Geburtstagsfeier des kleinen Alejandro ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Die Geburtstagstorte ist verzehrt, das »Cumpleaños feliz« (Happy Birthday) gesungen. Fehlt nur noch die Piñata, eine bunte, prall gefüllte Figur aus Pappmaschee.

Alejandros Papa hat sie mit einer Schnur an der Zimmerdecke aufgehängt. Dort schwebt sie verheißungsvoll über den Köpfen der Kinder. Wie beim Topfschlagen werden den Kleinen nun die Augen verbunden und jeder darf abwechselnd mit einem Holzstock auf die Piñata einschlagen, so lange, bis sie schließlich zerplatzt und ihr Inhalt sich über die kreischende Kinderschar entleert. Alejandro war flink und hat ein beachtliches Häufchen Lollis, Bonbons und kleinem Plastikspielzeug aufgesammelt. Der kleine Carlos weint herzzerreißend, denn er hat gar nichts abbekommen. Zum Glück zeigt sein primo (Cousin) Fernando Mitleid und teilt seine Beute mit ihm.

Die Piñata stammt ursprünglich aus Lateinamerika. Früher wurden Tontöpfe mit Krepppapier umwickelt und für Kindergeburtstage mit Süßigkeiten, für andere Feste mit Früchten und Nüssen gefüllt. Eine Fiesta ohne Piñata ist eigentlich keine. Traditionell ist sie kugelförmig mit sieben kegelförmigen Spitzen daran, welche die sieben Todsünden symbolisieren sollen. Die herausfallenden Früchte stehen für den Segen und der Stock für eine Waffe im Kampf gegen das Böse. Das ist aber ziemlich out. Heute lieben Kinder in Lateinamerika wie in Spanien Piñatas, die aussehen wie Spiderman und anderen Kinderzimmerhelden. Die Hauptsache aber sind muchos chuches, Schleckereien in rauen Mengen.

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El Toro de Osborne

Der spanische Stier

 

Von der Markenwerbung zum nationalen Symbol: In Spanien hat es der Stier von Osborne so weit gebracht, dass die heutigen Stiere nicht einmal mehr einen Werbeschriftzug tragen müssen.

Sie sind stolze 14 Meter hoch, bestehen aus 70 Blechplatten und wiegen vier Tonnen. Aufgestellt wurden sie seit 1957, nur waren sie damals noch Babystiere, gerade mal vier Meter hoch und aus Holz. Sie trugen weiße Hörner und die Aufschrift Veterano und warben für einen Brandy aus dem Haus Osborne. Das vergängliche Holz wurde gegen Metall getauscht und sie wuchsen immer höher, je mehr Abstand sie nach gültiger Gesetzeslage zu den Landstraßen einhalten mussten.

Wer in den 1980er-Jahren in Spanien mit dem Auto unterwegs war, kann sich vielleicht erinnern, dass der Stier zusammen mit Tausenden von Werbeplakaten in allen Größen und Farben alles dafür tat, die Autofahrer vom Verkehr abzulenken. Deshalb erhielten der Stier und seine Werbekollegen 1988 den Dolchstoß in Form eines absoluten Werbeverbots entlang der Landstraßen. Woraufhin die Aufschrift Osborne verschwand, nicht aber der Stier selbst. Bürgerinitiativen formierten sich, Gemeinden, Politiker und Presse zogen mit, und so wurde der Stier 1997 höchstrichterlich zum Kulturgut erklärt.

Die Population hat sich mittlerweile wieder erholt, und die einst schwer bedrohte Art zählt heute wieder 88 Exemplare, ungleich verteilt übers ganze Land, mit der höchsten Konzentration in Andalusien. Ausgestorben ist er in Kantabrien und Murcia. In Katalonien werden Restbestände immer wieder Opfer von nationalistisch motiviertem Vandalismus. In den Regionen treten die autonomen Stadtmusikanten auf und spotten den spanischen Stier, als da sind: die galicische Kuh, das baskische Schaf und der katalanischen Esel, der es am ärgsten treibt.

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Don Quijote de la Mancha

Der erste moderne Roman

 

Obwohl der Dampfkochtopf, der Bleistiftspitzer mit Kurbel, der Wischmopp und der Lolli spanische Erfindungen sind, ist Spanien nicht gerade als Nation von Erfindern bekannt.

Aber ein Spanier war es, der nichts Geringeres als den modernen Roman erfunden hat, nämlich Miguel de Cervantes Saavedra. Seine Satire auf die Rittergeschichten und die Erfindung des Caballero de la triste figura, des Ritters von der traurigen Gestalt, war kein Gedicht, kein Epos, kein Drama, sondern eine neue Gattung: ein Roman. 1605 erschien der erste Teil und seinen Anfangssatz kann jedes Kind aufsagen: En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme ... An einem Ort der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will …

Ein kleiner Landadeliger kann nicht mehr zwischen Literatur und Realität unterscheiden und zieht auf seinem Gaul Rocinante hinaus in die Welt, begleitet von Sancho Panza, dem Knappen auf seinem Esel. Er kämpft gegen Windmühlen, reitet gegen Hammelherden und sticht auf Weinschläuche ein. Er wird verprügelt und verlacht, bewahrt jedoch stets seine Würde und sein Stolz bleibt ungebrochen. Seiner angebeteten Dulcinea del Toboso wird er nie begegnen und Sancho wird nie die Insel bekommen, die ihm versprochen wurde, und doch bleibt er loyal an der Seite seines Herrn, wie verrückt der sich auch immer gebärden mag.

Der Roman ist witzig geschrieben und enthält viel Kluges. Auch Cervantes scheint fasziniert von seinem eigenen Geschöpf gewesen zu sein und hielt ihm die Treue bis ans Ende. Sein Roman war ein Bestseller und gleich nach Erscheinen wurden Raubkopien davon gedruckt. Ja, es erdreistete sich sogar ein anderer Schreiberling, die Geschichte des fahrenden Ritters weiterzuerzählen, sodass Cervantes sich genötigt sah, 1615 einen eigenen zweiten Band zu publizieren, an dessen Ende er seinen Helden allen Illusionen abschwören und sterben lässt. Aber Don Quijote ist nicht tot, auch Sancho nicht. Beide leben sie noch, irgendwo in der Mancha, an einem Ort, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will.

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Paella

Ein spanisches Nationalgericht

 

Das denken die meisten Leute jedenfalls. Doch die Paella kommt aus der Region Valencia und war bis vor nicht allzu langer Zeit noch gar kein Nationalgericht.

Auch dass in eine echte Paella Fleisch und Fisch gehören, stimmt nicht. Die paella mixta gibt es fast nur in den touristisch erschlossenen Orten und wird von einheimischen Kennern meist abgelehnt. Paella wird übrigens nicht mit Doppel-l gesprochen, sondern mit j: pa’eja.

Was sind die Geheimnisse einer richtig guten Paella? Geheimnis Nummer eins ist der Reis. Am besten gelingt die Paella mit arroz bomba (Bomba-Reis), einer Reissorte, die in Valencia und Murcia angebaut wird. Ersatzweise kann man auch Risottoreis oder Milchreis verwenden. Normaler Langkornreis ist eher nicht geeignet, da er beim Kochen zu weich und klebrig wird. Das Verhältnis Wasser zu Reis ist 2:1. Es sollte möglichst nichts nachgegossen werden, die Wassermenge sollte genau stimmen. Nach dem Wässern wird der Reis am besten gar nicht mehr umgerührt, damit er nicht verklebt. Geheimnis Nummer zwei ist der Safran, das Gewürz, das dem Reis die charakteristische gelbe Farbe verleiht (siehe Seite 10). Echter Safran ist naturgemäß teuer, es gibt aber diverse colorantes (Gewürzpulver-Mischungen), die meistens auf der Basis von Paprikapulver gemacht sind und die man ersatzweise verwenden kann.

Das gemeinsame Paellakochen ist in Spanien immer eine gesellige Veranstaltung. Draußen im Freien über einem Holzfeuer genauso wie am Gas- oder Elektroherd in der eigenen Küche. Wie beim Fleischgrillen, treten oft Männer als Paellaköche auf den Plan. Man steht um die paellera (Paellapfanne) herum, sieht beim Brutzeln zu, riecht das feine Aroma und freut sich aufs gemeinsame Essen. Wer abends im Restaurant Paella bestellt, outet sich übrigens unzweifelhaft als Tourist. Spanier essen Paella ausschließlich mittags, da sie für das traditionell späte Abendessen schwer verdaulich ist.

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El tapeo

Eine Tapas-Tour

 

Was Tapas sind, muss man nicht mehr erklären. Man bestellt kein Hauptgericht, sondern stellt sich sein Essen aus vielen feinen Kleinigkeiten selbst zusammen.

Man isst, bis man satt ist, und das – wichtig! – nicht allein, sondern am besten mit einer Gruppe von Freunden, und – auch ganz wichtig! – nicht nur in einem Lokal, denn das wäre Frevel. »Andere Wirte haben auch schöne Tapas«, könnte man sagen. Und es gibt durchaus den Ehrgeiz, wenn schon nicht alle, so doch viele von ihnen zu probieren. Diese Tapas-Tour, das »auf der Walz sein«, nennt sich tapeo und darin steckt tatsächlich viel Bewegung.

Was muss man über Tapas wissen? Es gibt eine fundamentale Unterscheidung: Sie sind entweder frías (kalt) oder calientes (warm). Die Größen gehen von der Mini-Tapa (Tellerchen) über die media ración (halbe Portion, Kuchenteller) bis zur ración, das ist Esstellergröße. Sehr wichtig, wenn man mit Freunden unterwegs ist: Nicht jeder bestellt seine Tapa und isst sie auch auf, sondern es wird gemeinsam das ganze Angebot bestellt und dann probiert jeder von jedem. Man wandert also mit seiner Gabel über den Tisch oder reicht bei größeren Entfernungen die Teller reihum weiter. Dazu gibt’s un vinito (ein Weinchen) oder eine caña (kleines Bier vom Fass). Ist alles verspeist, zieht man nach dem Gelage weiter.

Da jedes Lokal, jede Stadt, jede Region ihre eigenen Tapas zubereitet, wäre es müßig, auch nur eine kleine Auswahl aufzuzählen. Hier geht Probieren eindeutig über Studieren. Die Qual der Wahl können wir Ihnen nicht ersparen.

Über die Ursprünge der Tapa gibt es mehrere Legenden. Tapa heißt Deckel, deshalb heißt es, man habe Brotstücke mit einem Stück Wurst, Schinken oder Käse beim Essen im Freien dazu verwendet, die Wein- und Biergläser abzudecken und so vor Fliegen zu schützen. Eine andere Geschichte erzählt, König Alfons X habe im 13. Jahrhundert schon angeordnet, dass den Kutschern Alkohol nur noch in Verbindung mit fester Nahrung ausgeschenkt werden durfte – eine Maßnahme zur Förderung der Sicherheit auf den königlichen Straßen. Und eigentlich gilt das auch heute noch, nicht nur für Kutscher.

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Churros

Schmalzkringel

 

Churros sind ein spanisches Nationalgericht. Wie in Frankreich die dünnen Crèpes, gibt es in Spanien auf jedem Jahrmarkt, in öffentlichen Parks, auf Märkten und bei Straßenfesten churros.

Da stehen sie dann, die churreros, vor ihren großen Kesseln mit heißem Öl, in die der flüssige Teig aus einer Spritztülle mit der typischen Sternform oder aus einer Art Nudelmaschine kommt und im heißen Fett ausgebacken wird. Die Kessel haben schon mal einen guten Meter Durchmesser und die Teigwürste fügen sich darin artig zu einer großen Spirale. Mit langen Holzlöffeln sorgt der churrero dafür, dass die Kringel nicht aneinanderkleben und rundherum frittiert werden. Mit einer Schaumkelle werden sie nach einigen Minuten herausgeholt und nach dem Abtropfen in Stücke zerschnitten. Die langen, geraden Stücke heißen in manchen Gegenden auch porras. Sie werden noch warm mit Zucker bestreut und am Stand in Papiertüten gepackt. Man isst sie noch warm aus der Tüte.

Woraus sind churros gemacht? Es gibt natürlich verschiedene Rezepte, aber auf jeden Fall handelt es sich um einen Brandteig aus Wasser, Mehl, Zucker und Salz. Ein billiges, und, wenn man’s kann, auch einfaches Gebäck. Deshalb und wegen seiner Nahrhaftigkeit, war es früher bei körperlich schwer Arbeitenden ein beliebtes Frühstück. Und deshalb haben die churrerías traditionell auch schon sehr früh am Morgen geöffnet. Das ist bis heute so und kommt nun einer anderen Spezies zugute: den Nachtschwärmern, die sich an den Wochenenden übernächtigt und ausgehungert am frühen Morgen auf das ehemalige Arbeiterfrühstück stürzen.

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El oso

Der Madrider Bär

 

Bern hat ihn im Wappen, Berlin ebenso. Der Bär ist auch das Wappentier Madrids. Er steht, in Bronze gegossen, an der Nordseite der Puerta del Sol mitten in Madrid.

Der Madrider Bär hat seine Schnauze zu einem niedrigen Bäumchen hochgereckt, um von dessen Früchten zu essen. Es handelt sich dabei um einen immergrünen Erdbeerbaum der Gattung Arbutus, die zu den Heidekrautgewächsen zählt und im Mittelmeerraum verbreitet ist. Die Bäumchen sind sehr schön anzusehen mit ihren harten, dunkelgrünen Blättern und den roten, kugelrunden Früchten, die mit ihrer stacheligen Haut mehr wie Litschis als Erdbeeren aussehen. Sie blühen in den Wintermonaten, und da die Früchte sehr langsam reifen, befinden sich Blüten und die reifen Früchte des Vorjahrs – wie bei Orangen – meist zusammen am Baum. Spätestens wenn man in eine der Früchte hineinbeißt, weiß man, dass die deutsche Bezeichnung Erdbeerbaum ganz falsche Erwartungen weckt. Sie sind hart und nur sehr schwach süß. In Spanien werden sie daher auch nicht gegessen, sondern zu Gelees und Marmeladen und zu licor de madroño, einem Likör, verarbeitet.

Und wie kommen Bär und Baum überhaupt auf das Madrider Wappen und was hat es zu bedeuten? Vermutlich symbolisieren die beiden Elemente Klerus und städtischen Adel, die im Mittelalter, nach 1220, die Ländereien um Madrid unter sich aufgeteilt haben. Außerdem soll der oso ursprünglich eine osa, also eine Bärin, gewesen sein und es gibt auf den heutigen Abbildungen auch nichts zu sehen, was gegen seine weibliche Identität spräche. Wie auch immer, der oso ist eines der meistfotografierten Motive bei Touristen und bei Einheimischen ein beliebter Treffpunkt im Zentrum Madrids.

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Gazpacho

Kalte Suppe

 

Der andalusische Gazpacho ist in Sprachkursen und spanischen Grammatiken ein gern verwendetes Beispiel, um den Unterschied zwischen den Verben ser und estar, die beide »sein« bedeuten, zu veranschaulichen.

Und zwar so: Wenn ein Gast sich im Restaurant beschwert, weil seine Suppe kalt ist, sagt er: »Camarero, la sopa está fría.« Das bedeutet, sie ist kalt geworden, deshalb verwendet man das Verb estar (drückt einen Zustand aus). Stellt man dagegen fest »El gazpacho es una sopa fría«, dann ist das keine Beschwerde, sondern es bedeutet das, dass Gazpacho eine kalte Suppe ist, deshalb das Verb ser (drückt eine Eigenschaft aus).

Weg von der Grammatik, hin zur Kulinarik. Der Gazpacho kommt deshalb aus dem Kühlschrank, weil er ein Gericht aus dem heißen Andalusien ist und dort die Funktion hat, den unter der Hitze leidenden Menschen bei der Vorspeise ein wenig Erfrischung zu verschaffen. Ursprünglich war die andalusische Gemüsesuppe ein Arme-Leute-Essen, das mit den Zutaten gemacht wurde, die jeder täglich zu Hause hatte: altes Brot, Wasser, Knoblauch, Tomaten, Gurken, Paprika, Salz und Olivenöl. Je besser die Zutaten, desto besser wird natürlich auch die Suppe. Wer dazu feinste Gemüse und ein Olivenöl der Klasse extra virgen verwendet, kann auch Gourmets wie beispielsweise Ferran Adrià damit begeistern. Auf die Frage, was denn seine Lieblingsgerichte seien, antwortete er: Gazpacho und Tortilla. Hier ein einfaches Rezept zum Ausprobieren.

Zutaten

6        reife Tomaten
½       Salatgurke
½       grüne Paprika
½       Zwiebel
1        Knoblauchzehe, je nach Geschmack
3        Scheiben Weißbrot
0,2 l   Wasser
1 El   Weinessig
2 El   Olivenöl
          Salz

Zubereitung

Tomaten schälen, würfeln, alle Zutaten im Mixer pürieren. Dann Salz, Wasser und (gutes) Olivenöl dazugeben. Zum Schluss eventuell durch ein Sieb passieren, wenn man es gern ganz fein hat, und dieselben Gemüsesorten als Würfelchen sowie geröstete Brotstückchen als Einlage anbieten.

¡Que aproveche! – Guten Appetit!

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Das Buch

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»Das Werk von Graf-Riemann kann als "multifunktionales Buch" bezeichnet werden, denn es könnte problemlos sowohl als Reiseführer, Bildband, Lehrwerk für die Landeskunde Spaniens und vieles mehr fungieren. [...] Es handelt sich um ein sehr empfehlenswertes Buch für alle Spanienliebhaber und die, die es werden wollen, sei es um hierzulande über (spanisches) Land und Leute zu informieren oder als Vorbereitung auf eine Reise nach oder einen Aufenthalt in Spanien, da es sehr viele nützliche Tipps vermittelt.« (Concepción Rico Albert, HISPANORAMA, Mai 2013)

»Nach der Lektüre ist man ohne Frage schlauer als vorher und wer sich für Kultur, Land und Leute in Spanien interessiert, sollte sich dieses Buch auf den Nachttisch legen (lassen).« (Judith Hoppe, Reise-Inspirationen, März 2013)

Informationen zum Buch

Spanien – in diesem Land der Regionen, das aus 17 autonomen Gemeinschaften besteht, blasen schon längst nicht mehr alle ins selbe Horn. Der griechische Geograf Strabon nannte Spanien wegen seiner Form »Haut des Stiers«. Und dort finden sie alle Platz: der grüne, regenreiche Norden, die weite kastilische Hochebene, die heiße, trockene Levante und das immer noch arabisch anmutende Andalusien mit seinen weißen Dörfern und feurigen Rhythmen.

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Autorin Lisa Graf-Riemann

Lisa Graf-Riemann wurde in Passau geboren. Sie studierte Romanistik und Völkerkunde an der LMU München, in Murcia (Südspanien) und Coimbra (Portugal). Als feste freie Redakteurin war sie bei Kindlers Neuem Literaturlexikon und als Autorin und Redakteurin von Lehrwerken und Lernmaterialien für große Schulbuchverlage tätig. Sie spricht fünf Fremdsprachen und kennt sich auf der Iberischen Halbinsel bestens aus. Ihr Traumkontinent ist Südamerika. Heute lebt sie in den Berchtesgadener Alpen und frönt dort ausgiebig ihrer Berg-Leidenschaft, wenn sie nicht gerade Bücher schreibt oder auf Reisen ist.

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