< Zurück zur Startseite

128

Teegärten

Plaudern und entspannen

 

(© Marden Smith)

Es gibt sie überall in der Türkei, vor Moscheen, in Parks, auf Plätzen, an Stränden: Teegärten. Meist sitzt man auf Plastikstühlen oder kleinen Holzhockern zusammen und trinkt ein, zwei oder auch drei Gläser Tee.

Getrunken wird aber nicht nur der meist starke, süße Schwarztee, sondern auch Apfel- und Lindenblütentee, Cola, Mokka, Ayran oder Pfirsich- und Sauerkirschsaft. Alte, Junge, Intellektuelle, Arbeiter, Studenten und Frauen sitzen dort manchmal stundenlang, lesen Zeitung, rauchen, halten einen Plausch oder spielen Backgammon. Die meisten Teegärten servieren auch kleine Gerichte, zum Beispiel Käsetoast, belegten Sesamkringel oder sogar Hamburger. In manchen wird auch ein Frühstück mit Weißbrot, Schafskäse, Oliven, Honig und Menemen, einer Eierspeise, angeboten.

Die Zeitung Hürriyet hat vor einiger Zeit eine Top-10-Liste der schönsten Istanbuler Teegärten zusammengestellt: Auf Platz eins steht das historische Pierre Loti in Eyüp am Goldenen Horn, gefolgt vom Emek Café in Yeniköy und dem Yeşil Kahve im Fenerbahçe-Park auf der asiatischen Seite. Mein persönlicher Favorit ist das Bebek Café im europäischen Bosporusviertel Bebek. In dem traditionellen Café treffen sich vor allem am Sonntag Studenten und Intellektuelle, frühstücken zusammen, schauen aufs Wasser und genießen die Sonnenstrahlen und die leichte Brise.

Teegärten – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

6

Angeln

Mehr als nur ein Freizeitspaß

 

(© Marden Smith)

Tag und Nacht stehen in Istanbul Tausende Angler am Wasser und werfen ihre Ruten aus.

Besonders auf der Galatabrücke drängen sich von frühmorgens bis spät in die Nacht Hunderte Angler. Mobile Händler servieren ihnen im Winter Tee und im Sommer das erfrischende Joghurtgetränk Ayran. Straßenhändler verkaufen alles, was man zum Angeln so braucht: Ruten, Köder, Senkbleie, Blinker, Schnur, Ersatzteile. Und sie erklären, wenn nötig, Anfängern auch, wie man die Angelrute richtig auswirft. Eine Etage tiefer auf der Galatabrücke – fast auf Höhe des Wasserspiegels – sitzen Einheimische und Touristen in kleinen Restaurants und essen Fisch.

Angeln ist in der Türkei ein echter Volkssport – eine Genehmigung braucht man nicht. Männer, Frauen, Kinder hoffen auf einen guten Fang, für sich selbst, für Restaurants oder für Händler, die zum Beispiel direkt neben der Galatabrücke ihre Stände aufgebaut haben. Katzen warten dort gespannt neben bunten Plastikwannen, in denen Fischchen schwimmen. Die Händler spritzen immer wieder Frischwasser über ihre Auslage und preisen die Ware lautstark an: lüfer (Blaubarsch), hamsi (Sardinen aus dem Schwarzen Meer), levrek (Seebarsch). Wenige Meter entfernt in Eminönü steigen Rauchschwaden von einem schaukelnden Snackschiff auf. Hier wird eine typische Spezialität verkauft: Balık ekmek – meist gegrillte Makrele mit Salat in einer Weißbrothälfte.

Doch nicht nur Hobby- und Teilzeitangler, auch Tausende Fischer und Fischhändler sind in und um Istanbul tätig. Je nach Jahreszeit schwimmen zum Beispiel ganze Bonito-Schwärme vom Schwarzen Meer durch den Bosporus Richtung Marmarameer oder in die entgegengesetzte Richtung. Aber: Überfischung, Verschmutzung und Klimawandel haben in den einst so fischreichen Gewässern deutliche Spuren hinterlassen. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO sind im Mittelmeer und im Schwarzen Meer 50 Prozent der Bestände überfischt.

Angeln – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

27

Bodrum

Das Saint-Tropez der Türkei

 

(© Marden Smith)

Wenn der Sommer in den Städten unerträglich heiß und schwül wird, flüchten zahlreiche türkische Familien in das Ferienparadies an der ägäischen Küste.

Viele der Reichen und Schönen, Stars und Sternchen haben in Bodrum ein Sommerhaus oder zumindest eine Zweitwohnung. Wohlhabende Mütter verbringen mit ihren Kindern den ganzen Sommer in der schmucken Hafenstadt, während die Väter zwischen Istanbul, Ankara oder Izmir und Bodrum hin- und herjetten. Auch internationale Stars wie der Schauspieler Michael Douglas, der Fußballer Cristiano Ronaldo und das Model Naomi Campbell sind in der mediterranen Kleinstadt schon von Paparazzi abgelichtet worden.

Bodrum war bereits in der Antike – damals hieß es noch Halikarnassos – ein beliebter Erholungsort. Viele Buchten und Halbinseln sowie kleine vorgelagerte Inseln laden zum Baden, Sonnen und Entspannen ein. Im Vergleich zur Südküste mit ihren teils riesigen Bettenburgen und Betonkomplexen wirken die für Bodrum typischen weißen Häuser klein und schnuckelig. Mehr als zwei Stockwerke sind hier in der Regel nicht erlaubt. Bodrum – gern auch als »Saint-Tropez der Türkei« bezeichnet – ist aber auch eine Partyhochburg mit vielen schicken und teuren Restaurants und Open-Air-Clubs. Und: Bodrum ist ein Paradies für Segler. In der Marina schaukeln schneeweiße Jachten auf den Wellen. Hier gibt es kleine Werften, die Holzschiffe (gulets) bauen. Viele Gäste vergnügen sich daher nicht nur am Strand, sondern schippern mit Segelbooten in idyllische Buchten.

Bodrum – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

88

Menschenrechte

Die Kritik hält an

 

(© Marden Smith)

2013 ergingen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 124 Urteile gegen die Türkei, nur in Russland ist die Anzahl mit 129 noch höher.

Schlagzeilen machte 2014 das Urteil der Straßburger Richter wegen der türkischen Besetzung Nordzyperns. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte die Türkei zur Zahlung von 90 Millionen Euro Schmerzensgeld. Bei der Invasion 1974 und danach verschwanden demnach rund 1.500 griechische Zyprer. Insgesamt wurden damals 200.000 Menschen zwangsumgesiedelt, es kam zu Enteignungen und Benachteiligungen von Griechen, die im Norden der Insel geblieben waren. Außerdem sollen griechisch-zyprische Bürger entschädigt werden, die auf der Halbinsel Karpas im türkisch besetzten Norden Zyperns leben und Opfer von Diskriminierungen geworden seien. Die Türkei erklärte umgehend, dass sie das Urteil für nicht bindend halte.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Langem die Lage in der Türkei. Die Regierung unternehme weitreichende Schritte, um die Rechtsstaatlichkeit zu schwächen, Medien und das Internet zu kontrollieren und hart gegen Kritiker und Demonstranten durchzugreifen, so Human Rights Watch. Auch Amnesty International beklagt, dass trotz Reformen die Meinungsfreiheit nach wie vor eingeschränkt sei. Die Polizei gehe bei der Auflösung friedlicher Demonstrationen immer wieder mit unverhältnismäßiger Gewalt vor. Auf Grundlage der sogenannten Antiterrorgesetze gebe es unfaire Gerichtsverfahren gegen Regierungskritiker, Journalisten und Demonstranten. In vielen Verfahren werden laut Amnesty zudem geheime Zeugenaussagen verwendet, die von der Verteidigung nicht angefochten werden können.

Menschenrechte – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

112

Satirezeitschriften

Heiß begehrt

 

(© Marden Smith)

Sie heißen Leman, Penguen oder Uykusuz. Ihre Satire ist bitterböse, spitz, absurd und manchmal auch ziemlich vulgär.

Die Karikaturen in der Türkei kommentieren ziemlich genau die politische, soziale und gesellschaftliche Entwicklung des Landes. Und die Karikaturisten dieser Comic- und Satirezeitschriften machen sich über so ziemlich alles lustig: über Politiker – besonders gerne über konservative Ansichten oder kuriose Äußerungen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan –, über Religion, Europa ... Ihre Waffen sind ihre scharfen Worte und ihre unverblümten Zeichnungen. Zu scharf für einige Gegner: Immer wieder bekommen die Redakteure und Zeichner Drohungen. 2012 gab es einen Brandanschlag auf Penguen. Regelmäßig werden Zeichner angeklagt und vor Gericht gezerrt.

Nach den Anschlägen auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit zwölf Toten Anfang 2015 erhielt Leman eine Nachricht, in der es hieß, das Magazin solle aufpassen – man wisse ja, was mit Charlie Hebdo passiert sei. Ein türkisches Gericht ließ übrigens nur Stunden nachdem die erste Ausgabe von Charlie Hebdo nach den Anschlägen mit einem weinenden Mohammed auf dem Cover und der Überschrift »Alles ist vergeben« erschien, alle Websites sperren, die das Titelbild zeigten.

Satirezeitschriften – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

150

Zungenschnalzer

Mimik und Gestik

 

(© Marden Smith)

Es gibt in der Türkei eine wortlose Art, Nein zu sagen: mit einem Zungenschnalzer.

Die Lippen sind leicht gespitzt, die Augenbrauen werden nach oben gezogen, der Kopf wird ein wenig in den Nacken gelegt und gleichzeitig mit dieser Bewegung löst sich laut schnalzend die Zunge von den Zähnen. Dieser Zungenschnalzer kann einiges bedeuten: »nein«, »gibt es nicht«, »auf keinen Fall«, »das geht nicht« ... Diese Geste wird im ganzen Land verstanden. Man hört Menschen mit der Zunge schnalzen, wenn zum Beispiel der Taxifahrer sie anhupt und damit fragt, ob sie mitfahren wollen, oder auch auf normale Fragen wie: »Hast du Zeit, mit ins Kino zu gehen?«

Wenn Türken den Kopf schütteln, heißt das, dass sie etwas nicht verstanden haben. Und wenn Menschen in der Türkei den Arm ausstrecken und das Handgelenk mit der flachen, ausgestreckten Hand zum Boden bewegen, heißt das nicht etwa »Geh weg!«, wie man meinen könnte, sondern genau das Gegenteil, nämlich »Komm her!«.

Und Vorsicht: Gesten, die bei uns völlig unverfänglich sind, wie beispielsweise das Zeichen für o. k., bei dem Daumen und Zeigefinger einen Kreis bilden, gelten in der Türkei als Beleidigung und sind damit ein absolutes No-Go.

Zungenschnalzer – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

22

Basar

Zentrum des Handels

 

(© Marden Smith)

Der Istanbuler Basar ist ein Mikrokosmos mit Gold-, Leder- und Teppichstraßen.

Händler preisen ihre Waren an, und Lastenträger transportieren mit Sackkarren kostbare Teppiche und Lederjacken durch das Gedränge. Dazwischen eilen Teejungen hin und her und servieren den Kunden in den Geschäften schwarzen Tee. Ausländer laufen staunend durch das Gassenlabyrinth und bewundern die bemalten Kuppeln des Basars, der 1461 von Sultan Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels, erbaut wurde. Der Basar, als Kapalı Çarşı bekannt, ist ein fast 550 Jahre altes Einkaufszentrum. Von jeher galt er als Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident. Über die Seidenstraße kamen edle Stoffe, Juwelen, Porzellan und Seidenteppiche aus China, Indien und Persien. Auch heute gibt es noch Importware, allerdings handelt es sich dabei oft um Ramsch wie mit Perlen beklebte Döschen oder Schals aus China oder Thailand.

Der Basar wird täglich von gut einer halben Million Menschen besucht. Es gibt etwa 3.500 Läden, 64 Straßen und 22 Eingangstore, erzählt ein Händler, dessen Familie seit fünf Generationen Baumwolltextilien anbietet. Kaufen kann man fast alles: Gold- und Silberschmuck, Teppiche, Lederjacken, Kleidung, Schuhe, Porzellan, Wasserpfeifen, Messingteller, Lampen, Kacheln, Taschen, Stoffe, Parfüm, Tee und Süßigkeiten. Außerdem gibt es Banken, Restaurants, Cafés, ein Polizeirevier, ein Postamt, Ärzte und eine Moschee. Im Basar hat jedes Handwerk seine eigene Straße: In der Goldgasse glänzt es, ein paar Gassen weiter riecht es nach gegerbtem Leder, in anderen wiederum stapeln sich Teppiche.

Beim Thema Sicherheit geht es im Basar übrigens kaum anders zu als in einem herkömmlichen Kaufhaus. An den Eingangstoren stehen tagsüber Sicherheitsbeamte und am Abend nach der Schließung der Tore sorgen ein Sicherheitsdienst sowie Polizisten dafür, dass nichts gestohlen wird. Auf den Dächern gibt es außerdem Wachhunde, und natürlich finden sich in den Gassen Überwachungskameras.

Basar – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

84

Mahalle

Das Viertel

 

(© Marden Smith)

Selbst in Millionenstädten wie Istanbul, Ankara oder Izmir kann man sich wie in einem Dorf fühlen – dank der Mahalle.

Wenn am Morgen das Viertel, die Mahalle, erwacht, ist es besonders schön. Sobald die ersten Sonnenstrahlen zwischen die Häuserfluchten fallen, wachen die Straßenkatzen auf. Sie recken und strecken sich, ziehen schnurrend zu den Stellen, an denen sie von den Anwohnern gefüttert werden. Kinder laufen lachend in ihren Schuluniformen zum Unterricht. Der Obsthändler baut kunstvoll seine Pyramiden aus Orangen, Äpfeln und Melonen auf und spritzt Wasser über seine Auslage. Der Krämerladen ordnet seine Zeitungen. Der Duft von frischem Weißbrot liegt in der Luft. Frau Gül kehrt den Hauseingang. Herr Ahmet liefert mit einer Holzkarre Trinkwasser aus. Frau Hande – eine alte Dame – guckt wie immer aus ihrem vergitterten Fenster. Man grüßt sich: »Guten Morgen!« und »Schönen Tag!«. Man kennt sich: »Wie geht es Ihrem Mann?«, »Wie geht’s den Kindern?«

Die Mahalle – sie umfasst oft nur zehn Straßen, eine oder zwei Moscheen, zwei, drei Krämerläden und einige wenige weitere Geschäfte – bietet den Menschen selbst im schlimmsten Großstadtchaos Sicherheit und Geborgenheit. Sie ist wie ein Dorf in der Stadt, in der (fast) jeder jeden kennt und die Nachbarn aufpassen, dass den Kindern nichts passiert, wenn sie auf der Straße Ball spielen.

Mahalle – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

74

Karagöz

Türkisches Schattenspiel

 

(© Marden Smith)

Das Puppenspiel, bei dem Figuren bei starkem Gegenlicht hinter einem weißen Vorhang bewegt werden, hat eine jahrhundertealte Tradition. Der Held, Karagöz (Schwarzauge), gab dem Spiel seinen Namen.

Karagöz ähnelt ein bisschen unserem Kasperletheater. Doch statt Kasperl und Seppel heißen die beiden Hauptfiguren Karagöz und Hacıvat. Karagöz ist eher ungebildet, fast schon ein bisschen einfältig, aber aufrichtig und gewitzt. Er steht für den einfachen Mann aus dem Volk. Sein Nachbar Hacıvat ist gebildet und opportunistisch und lässt Karagöz oft die Drecksarbeit für sich erledigen. Außerdem tauchen verschiedene Volksgruppen aus dem Osmanischen Reich auf.

Der Puppenspieler, der Hayali, bastelt in der Regel die beweglichen Figuren aus gegerbter Kamel- oder Kuhhaut selbst, muss bei der Aufführung alle Charaktere spielen und natürlich die jeweiligen Stimmen imitieren. Zu sehen sind außerdem die Häuser der Protagonisten, Bauwerke wie Brunnen oder auch Tiere. Früher wurde Karagöz am Hofe des Sultans, aber auch in Kaffeehäusern, Teegärten und Parks aufgeführt. In Bursa, der ehemaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches, soll Karagöz einst berühmt geworden sein. Damals gelangte das Schattenspiel auch nach Griechenland, wo es unter dem Namen Karagiozis bekannt ist.

Heute gibt es in der Türkei nur noch wenige Aufführungen, zum Beispiel in Schulen. Während des Fastenmonats Ramadan kann man das Schattenspiel mit etwas Glück noch in Parks sehen; auch bei Beschneidungsfesten werden gelegentlich Puppenspiele aufgeführt. Laut UNESCO gehören die Traditionsfiguren Karagöz und Hacıvat zum kulturellen Erbe der Türkei.

Karagöz – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

134

Tünel

Historische U-Bahn in Istanbul

 

(© Marden Smith)

Die Strecke der unterirdisch verlaufenden Standseilbahn im europäischen Teil Istanbuls ist kurz, aber schön und erspart einem den anstrengenden Aufstieg von der Talstation Karaköy durch verwinkelte Gassen bis hoch zur Bergstation am Tünel-Platz.

1869 erteilte Sultan Abdülaziz die Erlaubnis zum Bau des Tunnels, 1875 wurde die Standseilbahn eröffnet. Sie überwindet auf mehr als 550 Metern einen Höhenunterschied von etwa 61,5 Metern. Der Tünel gilt als die älteste bestehende Standseilbahn Europas und als zweitälteste U-Bahn der Welt. Früher gab es getrennte Abteile für Männer und Frauen sowie einen Wagen für Güter und Tiere.

Der Tünel tuckert eher gemächlich – mit etwa 25 Kilometern pro Stunde – bergauf oder bergab. Alle paar Minuten startet eine Bahn, was durch einen lauten Klingelton angekündigt wird. Der Tünel befördert täglich Zehntausende Fahrgäste. Vom Tünel-Platz aus kann man gleich in einer historischen Tramvay weiterfahren – die nostalgische Straßenbahn fährt über die İstiklal-Straße bis zum Taksim-Platz.

Tünel – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

45

Fußball

Ein Glaubensbekenntnis

 

(© Marden Smith)

Fußball wird in der ganzen Türkei gespielt – wirklich von Bedeutung sind aber nur vier Vereine: die drei Istanbuler Clubs Fenerbahçe, Galatasaray und Beşiktaş sowie der Schwarzmeerküstenclub Trabzonspor.

Es ist wie ein Glaubensbekenntnis, ein Erbe, das innerhalb der Familie weitergegeben wird: Väter nehmen ihre Söhne oder mittlerweile auch ihre Töchter mit in die Fankurve der »Kanarienvögel« (Fenerbahçe), der »Löwen« (Galatasaray), der »Adler« (Beşiktaş) oder zum »Schwarzmeersturm« (Trabzonspor). Viele Türken leben für ihren Verein. Sollte der Sohn oder die Tochter jedoch die Seiten wechseln und einen anderen Verein als der Vater favorisieren, kann das zu wahren Familienzerwürfnissen führen.

Mit 19 nationalen Meisterschaften ist der europäische Verein Galatasaray derzeit der erfolgreichste türkische Club. Der größte Rivale ist der asiatische Verein Fenerbahçe mit 18 gewonnenen Meisterschaften – wenn diese beiden Teams gegeneinander spielen, nennen das die Türken bedeutungsvoll ein »interkontinentales Derby«. Für viele ist Fenerbahçe ein Club der Neureichen, Galatasaray gilt als Intellektuellen-, Beşiktaş als Arbeiterverein. Die Feindschaft zwischen den Clubs ist groß, die Schlachtgesänge sind vulgär, oft kommt es nach Spielen zu Krawallen.

Während der Istanbuler Gezi-Park-Proteste 2013 passierte allerdings etwas, was zuvor niemand für möglich gehalten hatte. Fans verschiedener Istanbuler Vereine schlossen sich den Demonstranten an, die gegen die Bebauung des Parks am Taksim-Platz protestiert hatten, und marschierten gemeinsam durch die Straßen. Aus Feinden wurden Verbündete. In den Stadien waren damals nicht nur die üblichen Schlachtgesänge, sondern auch der Slogan der Taksim-Demonstranten zu hören: »Überall ist Taksim, überall ist Widerstand.«

Wer sich selbst nicht ins türkische Fußballgetümmel stürzen möchte, aber die Liebe der Türken zum Fußball und den Schulterschluss der Clubs während der Gezi-Proteste verstehen möchte, sollte sich unbedingt den fantastischen Dokumentarfilm Istanbul United von Olli Waldhauer und Farid Eslam ansehen.

Fußball – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

8

Anrede

Sind hier etwa alle verwandt?

 

(© Marden Smith)

Es scheint, als wären alle Türken miteinander verwandt. Auf dem Gemüsemarkt spricht der junge Händler mich mit abla an. Abla bedeutet »große Schwester«. Ich bin dem Mann zuvor noch nie begegnet. Eine ältere Dame hinter mir nennt der Verkäufer teyze (Tante).

Auf der Straße hört man oft Wörter wie amca (Onkel), teyze (Tante), abla (große Schwester) und ağabey (großer Bruder). Die Personen, die sich so ansprechen, sind in der Regel aber nicht miteinander verwandt. Jüngere Leute sprechen ältere Männer mit »Onkel« an, Kinder nennen eine ältere Frau »Tante«, und einen jungen Mann, der aber älter als sie selbst ist, grüßen sie mit »großer Bruder«. Aber auch kleine Kinder sprechen ihren älteren (tatsächlichen) Bruder mit ağabey an – ob also tatsächlich jemand miteinander verwandt ist oder nicht, ergibt sich erst aus der Situation und dem Kontext.

Im Geschäftsleben sind die Türken formell. Man siezt (siz) sich, anstatt sich locker zu duzen (sen). Allerdings spricht man sein Gegenüber in der Regel mit dem Vornamen an und stellt ein Bey (Herr) oder ein Hanım (Frau) dahinter, also zum Beispiel »Ayşe Hanım« (Frau Ayşe) beziehungsweise »Ergün Bey« (Herr Ergün). Man kann aber auch eine Berufsbezeichnung vor Herr oder Frau stellen: Seinen Taxifahrer kann man mit »Şoför Bey« (Herr Fahrer) ansprechen. Kinder nennen ihren Lehrer hocam – mein Lehrer. Und Freunde? Sie nennen sich arkadaşım (mein Freund) oder, wenn sie sich näherstehen, canım (meine Seele), aşkım (meine Liebe) oder kalbim (mein Herz).

Anrede – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Türkeis. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Türkei 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

Türkei 151 ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. Auch online, z.B. bei amazon.de

nach oben

Noch mehr

spannende Länderdokumentationen

Markus Lesweng: Australien 151 – Portrait der großen Freiheit in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-67-4)

Volker Häring: Berlin 151 – Die Stadt im ewigen Aufbruch, ihre Orte und ihre Menschen in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-958891-04-3)

Francoise Hauser und Volker Häring: China 151 – Das riesige Reich der Mitte in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-68-1)

Andrea Glaubacker: Indien 151 – Portrait des faszinierenden Subkontinents in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-02-5)

Sabine Barth: Island 151 – Portrait einer brodelnden Insel in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-958890-00-8)

Fritz Schumann: Japan 151 – Ein Land zwischen Comic und Kaiserreich in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-27-8)

Dennis Kubek und Bielle Kim: Korea 151 – Ein Land zwischen K-Pop und Kimchi in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-75-9)

Lisa Graf-Riemann: Spanien 151 – Portrait eines Landes mit vielen Gesichtern in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-12-4)

Elena Beis: Südafrika 151 – Portrait einer sich wandelnden Nation in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-18-6)

Thilo Thielke: Thailand 151 – Portrait des farbenfrohen Königreichs in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-43-8)

David Frogier de Ponlevoy: Vietnam 151 – Portrait eines Landes in ständiger Bewegung in 151 Momentaufnahmen (ISBN 978-3-943176-42-1)

nach oben

Das Buch

Türkei 151

Das sagen die Medien

»Die Abbildungen landestypischer Motive ergänzen die informationsreichen Texte hervorragend.« (Klemp, ekz.bibliotheksservice)

»Als ›Türkeiwehbuch‹ für alle Fans ein absolutes Muss!« (Judith Hoppe, Reise-Inspirationen)

Informationen zum Buch

Viele verbinden die Türkei immer noch mit dem Klischee aus 1001 Nacht.  Tatsächlich erwarten den Besucher prunkvolle Sultanspaläste, geschäftige Basare und jahrhundertealte Moscheen, aber auch uralte Klöster, kurdische Dörfer und die ständig wachsende »In-Metropole« Istanbul mit modernsten Hochhäusern und exklusiven Open-Air-Clubs. Die Türkei ist nicht wie ein einziges, sondern wie viele Länder, mit Landschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten, mit Menschen verschiedener Ethnien, mit bäuerlichen, traditionellen, konservativen und hochmodernen Einflüssen.

> Türkei 151 bei amazon.de bestellen

> Weitere Informationen auf der CONBOOK Verlagsseite

Autoren Claudia Steiner und Marden Smith

Claudia Steiner studierte Orientalistik und Kommunikationswissenschaften in München, Istanbul und Bamberg. Sie arbeitete als Redakteurin und Türkei-Korrespondentin für die dpa und später für den Burda-Verlag in Istanbul. Seit 2004 ist sie freie Autorin. Sie arbeitet für den Bayerischen Rundfunk in München und macht Reportagen, Reisegeschichten, Porträts und Interviews für Zeitschriften.

> Weitere Informationen auf der CONBOOK Verlagsseite

Marden Smith, in New York aufgewachsen, gewann schon als Teenager einen Foto-Highschool-Preis. Er arbeitete mehrere Jahre als Fotograf in Mailand und Florenz sowie in den Niederlanden, USA, in Großbritannien und der Türkei. Seit 2004 lebt er als freier Fotograf in München und London.

> Weitere Informationen auf der CONBOOK Verlagsseite

nach links