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Ratte

Die allgegenwärtige Intelligenzbestie

 

Die Mäuse- oder Rattenhochzeit: Während in der Reihe oben die Katze mit Musik und Geschenken abgelenkt wird, kann die Hochzeitsdelegation unbemerkt vorbeiprozessieren. (© David Frogier de Ponlevoy)

Kreativ, charmant, intelligent – das sind nicht gerade Eigenschaften, die man im westlichen Kulturkreis mit der Ratte verbindet. In Vietnam hat die Ratte sogar ihr eigenes Tierkreiszeichen. 2009 war das Jahr der Ratte. Es führte unter anderem zu einem verstärkten Kauf von Hamstern, denn Hamster, Ratte und Maus haben im Vietnamesischen denselben Wortstamm (chuột).

Wer nach Vietnam geht, sollte nicht rattenscheu sein. Die Nagetiere leben sehr gemütlich in den Tiefgaragen der Großstädte, in den Reisfeldern auf dem Land und auch in den Zwischendecken zahlreicher Büros und Wohnungen. Wenn es irgendwo oben raschelt, ist es möglicherweise eine Ratte. Vietnamesen pflegen zu den Nagern ein recht pragmatisches Verhältnis. Die Anwesenheit von Ratten wird einerseits gelassen hingenommen, andererseits werden die Tiere genauso nüchtern erjagt. Zum Beispiel, indem man sie am Schwanz packt und gegen die Wand haut.

Eines der berühmtesten Bildmotive in Vietnam zeigt eine Ratten- oder Mäusehochzeit. Die Mäuse bezirzen die Katze mit Geschenken, damit das Mäusebrautpaar in Ruhe feiern kann. Die Katze steht je nach Blickwinkel für »die Mächtigen« oder (wie so häufig) für China.

Als im 18. Jahrhundert die letzte große Pestwelle die Region heimsuchte, verhängte der König eine Rattenprämie, um die Krankheitserreger auszurotten. Daraufhin fingen zahlreiche Bürger an, Ratten zu züchten, um die Prämie einzustreichen. Nicht nur Ratten sind also kreativ und intelligent, die Vietnamesen sind es ebenfalls.

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Wahrsager

Der über das Glück von Paaren entscheidet

 

Ein Wahrsager in Ho-Chi-Minh-Stadt notiert sich Geburtsdatum und Geburtsstunde, um anschließend in einer Liste nach den Einflüssen der Sterne zu suchen. Von Hokuspokus keine Spur, der Mann trägtAnzug und seine einzigen Werkzeuge sind Kugelschreiber und Notizblock. (© David Frogier de Ponlevoy)

Eigentlich dürfte es gar keine Wahrsager mehr geben. Schon seit den 1950er-Jahren gab es von politischer Seite erste Bestrebungen, den »Aberglauben« auszurotten. Der Erfolg war mäßig. Selbst hochrangige Politikerfamilien glauben mitunter an die Kraft der Wahrsager.

Wahrsager sind vor allem dann gefragt, wenn es um Familien- und Beziehungsangelegenheiten geht. Eine befreundete Familie ließ sich von einem Wahrsager erklären, dass die aktuelle Freundin nicht gut genug für den Sohn und sowieso nur hinter dessen Geld her sei. Sie übte daraufhin so viel Druck auf das junge Paar aus, dass es sich schließlich trennte. Die junge Frau heiratete kurz darauf einen noch reicheren Mann. Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.

Der Wahrsager wird aufgesucht, wenn Paare sich finden, wenn ein Paar kinderlos bleibt oder wenn Menschen erkranken. Eine erstaunlich große Anzahl ganz normaler Bürger glaubt an die Kraft des Wahrsagers. Dazu brauchen Wahrsager keinen Hokuspokus – im Gegenteil: Besuche beim Wahrsager können überraschend nüchtern sein. Man nennt das Geburtsdatum, der Seher schlägt ein Heft auf, das auch ein zerfleddertes Schulheft sein kann, notiert sich Dinge und sagt anschließend: »Du wirst später viel Geld haben und in einem großen Haus leben.« Dann empfielt er noch, eine kleine Lampe vor das Bild der Tochter zu hängen. Das mache die Tochter zu einem besseren Menschen.

Viele Wahrsager sind gleichzeitig auch Feng-Shui-Berater und richten Häuser, Zimmer und Möbel nach den richtigen Himmelsrichtungen, Farben und Formen aus. Ein ausländischer Kneipenbesitzer erzählte unlängst, halb ungläubig, halb fasziniert: »Nachdem wir unsere Kasse an die andere Wand gestellt haben, verdreifachten sich die Umsätze«.

Die banalste Funktion des Wahrsagers besteht darin, die Termine für Hochzeiten festzulegen. Obwohl, so banal ist das gar nicht. Bei den asiatischen Fußballmeisterschaften 2007 musste Vietnam im Viertelfinale auf einen seiner Stammspieler verzichten: Der Wahrsager hatte für seine Hochzeit exakt den Tag des Viertelfinales bestimmt. »Ich hätte vorher nie gedacht, dass wir so weit kommen«, entschuldigte sich der Fußballer.

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Kochgeschichten

Schwiegertochter in Nöten

 

Eine Küche in Ho-Chi-Minh-Stadt. Die Frau am Herd kann vermutlich sehr gut kochen. Andererseits … wer weiß das schon? Schließlich sitzt im Vordergrund eine ältere Frau und passt auf. Wie in unserer Geschichte. (© David Frogier de Ponlevoy)

Eine junge Frau, die nicht kochen kann, ist im traditionell eingestellten Vietnam gewissermaßen eine Todsünde. Deswegen präsentiert uns die folgende volkstümliche Erzählung eine solche Frau in der schlimmstmöglichen Situation: Sie hat gerade geheiratet, sprich, sie ist gerade in das Haus ihrer Schwiegereltern eingezogen. Die Schwiegermutter versucht nun zu retten, was zu retten ist und will der jungen Frau das Kochen beibringen.

Sie fängt deshalb sehr simpel an: Die Schwiegertochter soll Gemüse kochen. Topf mit Wasser, Gemüse rein, warten, fertig. Sagt vermutlich einiges darüber aus, auf welchem Niveau die Schwiegermutter die Kochkünste der jungen Frau vermutet. Die Schwiegertochter tut, wie geheißen, und als das Gemüse eine Zeitlang kocht, stellt sie fest, dass das Gemüse geschrumpft und eingegangen ist. Die junge Frau, die offenbar nicht nur noch nie in ihrem Leben gekocht, sondern auch noch nie einen Topf mit Gemüse gesehen hat, fängt an, bitterlich zu weinen.

Bis die Mutter in die Küche gestürmt kommt, sich verdutzt die Situation erklären lässt und ihr dann lachend erklärt, das sei doch alles ganz normal, Gemüse schrumpfe nun mal im Topf. So weit, so gut. Erster Teil des Kochkurses überstanden. Am nächsten Tag wird es dann eine Stufe anspruchsvoller: Die Schwiegertochter soll fünf Eier kochen. Wasser aufsetzen, Eier rein, warten, fertig.

Sie tut wie geheißen (und die Mutter scheint abermals die Küche zu verlassen, offenbar eine sehr beschäftigte Schwiegermutter, so ein Ei dauert ja eigentlich nicht allzu lange). Nachdem die Eier kochen, stellt die junge Frau fest: Hm, diesmal sind es immer noch genauso viele wie vorher. Also isst sie schnell zwei Eier auf. Schwiegermutter kommt zurück, fragt erstaunt, wieso aus den fünf Eiern denn plötzlich drei Eier geworden sind, und die Schwiegertochter antwortet: »Die Eier sind eingegangen.«

Die Moral von der Geschicht? Wer nicht weiß, wie man Gemüse kocht, der sollte möglichst vermeiden, in eine vietnamesische Familie einzuheiraten.

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Taxi

Wie man es macht, ist es verkehrt

 

Taxen, die über eine deutlich sichtbare Nummer (rechts oben), eine ebenso deutliche Preisliste (rechts unten) und vielleicht sogar über ein Kartenlesegerät verfügen, gelten als seriös und haben wohl keine gefälschten Taxameter. Dieser hier wird höchstens durch das Papierschiff aus 500-Đồng-Scheinen beeinflusst – das soll nämlich Glück bringen. (© David Frogier de Ponlevoy)

Bei solchen Preisen für öffentliche Verkehrsmittel wird man in anderen Ländern schnell blass: Eine Taxifahrt in der Innenstadt kostet im Normalfall umgerechnet etwa einen bis drei Euro. Wer in die Außenbezirke will, zahlt vielleicht auch mal fünf.

Taxis kann man am Straßenrand anhalten. Wenn man das versucht, kommt meistens keines. Sie kommen immer nur dann, wenn man sie nicht braucht. Die sichere Variante ist, ein Taxi gezielt zu rufen. Das geht aber nur, wenn man es jetzt braucht. Sofort. Taxis im Voraus zu bestellen ist nicht möglich. Beim Anrufen hilft übrigens die Tatsache, dass die Häuser in den Städten nicht nur die Hausnummer, sondern auch den Straßennamen tragen. Man weiß immer, wo man ist.

Normalerweise funktioniert die ganze Geschichte folgendermaßen: Man braucht ein Taxi. Es kommt keines. Man ruft eine Taxifirma an. Die Firma sagt: »Fünf Minuten warten bitte.« Nach zwei Minuten fahren plötzlich haufenweise Taxen vorbei, nur nicht von der Firma, die man angerufen hat. Nach zehn Minuten ruft man noch einmal die Firma an. »Fünf Minuten«, sagt die Firma. Nach weiteren fünf Minuten (und sehr vielen freien, vorbeifahrenden Taxen) ruft die Firma zurück und erklärt: »Tut uns leid, kein Taxi zur Verfügung.« Man entschließt sich, einfach eines der vielen anderen Taxis zu nehmen. Es kommt allerdings keines mehr. Ganz besonders schlimm ist die Sache bei Regen, also dann, wenn man am ehesten ein Taxi braucht. Dann brauchen meist auch alle anderen ein Taxi, und es gibt keines. Und alle angerufenen Zentralen melden sich kurze Zeit später: »Alle unsere Wagen sind belegt.«

Dass die Taxizentralen überhaupt zurückrufen ist immerhin ein sehr hilfreicher Service. Er funktioniert allerdings nur für Handybesitzer. Manchmal hat man auch einfach Glück, und der Wagen kommt tatsächlich sofort. Das Problem ist: Man weiß es vorher nicht.

Viele Vietnamesen empfinden das übrigens gar nicht als Dilemma. Irgendwann wird schon ein Taxi kommen. Oder wie es eine Bekannte formulierte: »Du bist so unglaublich ungeduldig.«

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Hai Bà Trưng

Frauen als Nationalheilige

 

Die Trung-Schwestern werden gerne auf Elefanten reitend dargestellt. Trotz ihrer Berühmtheit gibt es erstaunlich wenige Abbildungen oder Statuen der beiden Nationalheiligen. Elefanten allein gibt es deutlich häufiger. Dieser hier bewacht ein Kaisergrab in Hue.

Aus Sicht des Hofs von Peking war Vietnam sehr weit weg. Noch vor Christi Geburt war das vietnamesische Gebiet unter die Herrschaft Chinas gefallen, aber »Herrschaft« war anfangs relativ. Einige Soldatenstationen, etwas Verwaltung, ein Gouverneur. Die neue Südprovinz war unbeliebt. Es gab schwüles Wetter, Dschungelkrankheiten und (aus Sicht der Chinesen) haufenweise Barbaren. Wer als Gouverneur gut regierte, wurde schnell wieder nach Peking gerufen, für höhere Aufgaben. Es blieben die schlechten Verwalter.

Aus chinesischen Akten wissen wir heute, dass es ein ganz besonders habgieriger Gouverneur war, der wohl dazu beitrug, dass etwa um das Jahr 40 nach Christus ein Aufstand losbrach, der bis heute Legende ist: Die beiden Trung-Schwestern stellten sich an die Spitze einer Revolte. Der Aufstand scheiterte, aber die Trung-Schwestern gelten bis heute als Nationalheilige. Hai Bà Trưng ist ein Straßenname, der sich in zahlreichen vietnamesischen Städten findet, wörtlich übersetzt: die zwei Frauen Trung.

Dass es ausgerechnet Frauen waren, sagt etwas über die Stellung der Frau in der vietnamesischen Gesellschaft vor der Zeit der chinesischen Besatzung aus. Spätere Chronisten versuchten die Tatsache mit der Geschichte zu erklären, einer der Ehemänner sei angeblich von Chinesen getötet worden.

Die Trưng-Schwestern sind heute das Sinnbild für vietnamesischen Nationalpatriotismus. Allerdings ist schwer zu sagen, welche Gründe zum Aufstand führten, ob es persönliche waren oder politische oder wirtschaftliche. Die ersten vietnamesischen Aufzeichnungen über die Trung-Schwestern folgten erst Jahrhunderte später.

Die Chinesen jedenfalls sollten noch 900 weitere Jahre im Land bleiben. Seine Unabhängigkeit errang Vietnam erst wieder 938. China konnte die »Südprovinz« schließlich gegen immer weitere Aufstände nicht halten. Dazu war sie auch einfach zu weit weg.

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Räucherstäbchen

Vehikel für Wünsche

 

Ein geringeltes »Endlosräucherstäbchen«. Weil der Stab mehrfach um sich selbst gewickelt ist, brennt er besonders lange. An wichtigen Stätten darf der Rauch nicht ausgehen.

Die Vietnamesen sind ein Volk von Zündlern. An den Altären der Pagoden, der Tempel und in den Wohnungen qualmt ständig Rauch. Darunter leiden in den Häusern auch so manche Deckenwände. Räucherstäbchen gehören dazu, bei jedem Gebet, bei jeder Bitte, jeder Botschaft an Götter, Geister und Ahnen. Denn der Rauch transportiert gewissermaßen die Worte der Lebenden in die Sphären der Heiligen und Toten. An besonders wichtigen Orten brennt deswegen auch schneckenförmig geringeltes Endlos-Räucherwerk.

Bei den Räucherstäbchen gibt es feste Richtlinien, wie viele brennen. Eine ungerade Zahl ist wichtig. Ein Stab steht für die Einheit, drei für das Gleichgewicht, sieben für Barmherzigkeit. Spirituelle Experten können Abende damit zubringen, zu erklären, zu welchem Anlass wie viele Stäbchen angebracht sind. Andere sehen es pragmatischer: Wer seine Hingabe ausdrücken will, indem er einfach ein ganzes Bündel Räucherstäbchen in den Sand steckt, der müsse nicht nachzählen, heißt es. In dem Fall genüge die symbolische Geste.

Dieser Mann wärmt sich nicht an einer Mülltonne, sondern verbrennt zur Eröffnung eines neuen Hotels glücksbringendes Papier.

Wenn durch die Bürotür Rauchschwaden quillen, heißt das deswegen nicht zwangsläufig, dass das Haus in Flammen steht – vielleicht feiern die neuen Besitzer des Nachbarbüros vor ihrer Tür auch nur gerade ihre Einweihungsfeier und beschwören Glück für das neue Geschäft. Eigentlich macht man das draußen auf der Straße. Abergläubige Geschäftsleute sind bisweilen aber auch bissig entschlossen, auf gar keinen Fall dem ganzen Haus Glück herbeizuwünschen und zündeln stattdessen im Flur. Am Ende fällt sonst noch was auf die Konkurrenten ab!

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Mondkalender

Doppelte Zeitrechnung

 

Der 1. August nach gregorianischer Rechnung ist nach dem vietnamesischen Mondkalender erst der 14. 6. Nebenbei zeigt der Wandkalender die am Tag gültigenTierkreiszeichen und den Sinnspruch des Tages.

Eines der Geschenke, mit denen Vietnamesen nicht viel anfangen können, sind Kalender – zumindest wenn sie an einem Ort außerhalb der Region gedruckt wurden. Das liegt daran, dass man sich in Vietnam nach zwei Kalendern richtet: dem international üblichen gregorianischen Kalender und dem eigenen vietnamesischen Mondkalender, der tatsächlich ein eigener Kalender ist und nicht etwa der chinesische Mondkalender, auch wenn Unterschiede nur alle paar Jahre auftauchen. Kalender in Vietnam tragen deswegen immer zwei Daten. Es kann gleichzeitig der zweite Tag des fünften Monats und der 20. Juni sein.

Der Mondkalender ist für Vietnamesen nicht nur einfach ein kulturelltraditionelles Relikt. Er regelt weite Bereiche des privaten Lebens: Religiöse und sogar nationale Feiertage können sich nach dem Mondkalender richten, genauso wie zahlreiche dörfliche Feste. Nicht zuletzt wechselt das wichtigste Fest des Jahres, das Neujahrsfest Tết, ständig sein (gregorianisches) Datum.

Das Kalendersystem ist allerdings kein reiner Mondkalender. Ein Mondjahr wäre immer kürzer als das Jahr mit 365 Tagen und ließe Feiertage wie Neujahr ständig nach vorne rutschen. Deswegen wird alle vier Jahre ein Schaltmonat eingefügt. Das Jahr hat dann 13 Mondmonate, und der Neujahrstag springt vom Januar wieder in den Februar. Es ist also ein Mondkalender, der sich nach dem Sonnenjahr richtet: ein lunisolarer Kalender.

Da die Monate im Vietnamesischen keine eigenen Namen haben, sondern einfach nur »der vierte Monat« oder »der achte Monat« heißen, benutzen Vietnamesen in Fremdsprachen häufig auch für die Mondmonate verwirrenderweise die Namen des gregorianischen Kalenders. Das kann zu Missverständnissen führen. Wer sichergehen will, ob er tatsächlich am 25. April oder nicht doch eher am 25. Tag des vierten Mondmonats eingeladen ist, sollte vorher noch einmal nachfragen.

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Dorfleben

Poetische Vergangenheit

 

So idyllisch wie in diesem nordvietnamesischen Dorf sieht es in immer weniger Gegenden aus. Entweder industrialisieren sie sich oder sie sind von Armut bedroht.

Das vietnamesische Dorf besteht aus einem Dorfteich, einem Dorftor, einem alten Baum, einem Tempel, einer Pagode, einem Gemeinschaftshaus. Im Teich schwimmen Lotosblüten, umgeben ist das Dorf von einer Hecke. Wie aus der Pistole geschossen werden die meisten Vietnamesen diese Bilder herunterrattern können.

In der Realität sehen immer weniger Dörfer so aus. Das malerische Dorf mit Teich, Hecke und kleinen Gassen hat sich als kräftiges Bild in der Erinnerung eingebrannt, in seiner reinen Form aber fast nur noch in Dörfern erhalten, die sich dem Tourismus widmen. Für viele andere gilt eher: Das vietnamesische Dorf besteht aus einer Baustelle, einer Asphaltstraße und sehr vielen Motorrollern.

Rund um die Großstädte sind ehemalige Dörfer längst eingemeindet worden, auch wenn sie im Volksmund noch immer die Bezeichnung »Dorf« tragen. Das gilt vor allem für viele Dörfer, in denen sich ganze Straßenzüge überwiegend einem bestimmten Handwerk widmen. Neben altem Handwerk wie Hutflechten oder Seidenspinnen finden sich immer häufiger auch nicht ganz so traditionelle Arbeiten wie Schrottschmelzen, wie im Dorf Da Hoi in Bac Ninh.

Das poetisch-romantische Bauerndorf ist ein wenig Fluch und Segen zugleich. So schillernd es im Gedächtnis und in den Volksliedern weiterlebt – zu finden ist es heute eher noch in den armen, entlegenen Gegenden. Da möchte aber kaum jemand freiwillig wohnen. Dorfteiche sind schön und gut – Fernseh-, Strom- und Straßenanschluss sind vielen Bewohnern aber heute deutlich wichtiger.

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Tunnelhaus

Schmal ist schick

 

Früher war die Sache einfach: Ein vietnamesisches Haus in der Stadt hatte ein einziges Stockwerk, höchstens zwei. Zur Straßenseite hin war der Laden, dahinter kam das Vorratslager und dann erst die kleine Wohnung. Die Ladenfläche zur Straße hin war steuerpflichtig. Wer Geld sparen wollte, hatte einen schmalen Laden und hinten viel, viel Platz zum Lagern. Geld sparen wollten alle. Deswegen sind alte vietnamesische Häuser in der Innenstadt von Hanoi so schmal.

Weniger einfach ist die Frage, warum das heute noch immer so ist. Tradition, wäre eine mögliche Antwort. Die Vietnamesen haben sich an den Grundriss gewöhnt, ihn sich sogar zu eigen gemacht. In den üblicherweise von mehreren Familien bewohnten Häusern ist es praktisch, wenn jede Generation ein Stockwerk für sich hat. Moderne Eigenheime haben deswegen heute im Schnitt drei oder vier Stockwerke. Solche Häuser gelten als »schick« und »städtisch«, hinzu kommt ein allgemeines Desinteresse der Sonne gegenüber. Nur so lässt sich eigentlich erklären, warum mitten auf dem freien Land schmale, mehrstöckige Häuser emporwachsen, die zwar an der Front Verzierungen und Fenster zeigen, aber an den drei anderen Seiten nackten Beton. Sonnenlicht bedeutet Wärme, Wärme ist entweder lästig oder treibt die Stromkosten für die Klimaanlage in die Höhe. Eine Überlegung, die unter anderem dazu führt, dass verglaste Büroräume in den Großstädten immer dunkel sind – von drinnen werden Jalousien heruntergelassen oder Pappwände davor gestellt.

Die alten Häuser in der Hanoier Altstadt sind übrigens gar nicht so alt, wie sie aussehen. Eine Untersuchung stellte fest, dass fast alle aus dem 20. Jahrhundert stammen. Zahlreiche Bewohner haben in den vergangenen Jahren außerdem begonnen, sie zu renovieren.

Sie machen viergeschossige Familienhäuser und Hotels daraus, oder vollverglaste Geschäfte.

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Lärmbelästigung

Vietnam ist nicht laut – glauben Sie mir

 

Die Schienen führen vom Hanoier Bahnhof direkt durch die angrenzenden Wohnviertel. In Vietnam ist es gut, ein wenig lärmunempfindlich zu sein. Man kann sich das allerdings auch antrainieren.

Eine Nachbarin klopfte an die Tür. Sie war neu in Hanoi. Seit drei Tagen. Und sie war sehr sauer auf den Vermieter. Der habe ihr nämlich vorher nicht gesagt, dass das Zimmer so unglaublich laut sei. Wie ich das denn aushalten würde?

Laut?

»Ja, laut«, sagte die Nachbarin. Der Verkehr draußen. Endlos. Stundenlanges Gehupe. Und dann die Bauarbeiten nebenan. Da wird gerade ein Haus abgerissen. Ständiges Klopfen und Rumpeln. Und dann der Bahnhof nebendran, wenn sie das gewusst hätte! Die Züge sind ja so laut. Sie geben schrille Warntöne von sich, manchmal minutenlang. Wenn die Züge fahren, dann wackelt das ganze Haus. Auch um vier Uhr morgens! Kein Auge habe sie zutun können, die ganze Nacht.

An dieser Stelle fiel mir auf: Stimmt. Genauso hatte ich mich in der ersten Woche hier auch gefühlt. Obwohl ich schon ein paar Monate Vietnam-Erfahrung hatte, kam mir das neue Zimmer sehr laut vor, direkt an der Hauptstraße.

Ein halbes Jahr später aber hatte ich das Gefühl: Ich höre nichts. Nichts was mich stört. Draußen hupt es, aber ich nehme das nur wahr, wenn ich mich drauf konzentriere. Manchmal wache ich morgens von Hupen auf, dann drehe ich mich um und schlafe weiter. Die Bauarbeiten waren ein wisperndes Gemurmel. Und der Zug … naja, der Zug war ein echtes Kuriosum. Manchmal pfiff und schrie er schrillend durch die Nacht. Aufwecken tat mich das nicht. Dabei bin ich normalerweise nicht unbedingt geräuschunempfindlich.

Vielleicht lag es daran: Verkehr und Lärm rund um das Zimmer waren mittlerweile nicht mehr unerwartet. Sie gehörten dazu. Sie waren normal. Sie sind Teil einer Alltagsmusik, die Hanoi heißt.

Vietnam ist nicht laut.

Es ist erstaunlich, wozu das menschliche Gehirn imstande ist.

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Fünf Uhr morgens

Frühsport, eins, zwei, drei, vier...

 

Die Frau im Zentrum ist die Vortänzerin. Der Rest folgt. Die Lautsprecherbox, zu deren Tönen sich die Frauen bewegen, kann ganze Wohnviertel mit Disko-Musik beschallen.

Hanoi erwacht früh. Nicht nur die Händler und die in die Stadt strömenden Bauern stehen früh auf ihren Plätzen oder beginnen ihre Geschäfte mit den Zwischenhändlern. Auch der Rest der Bevölkerung ist früh auf den Beinen. Vor allem der weibliche Teil.

Zwischen fünf und sechs Uhr morgens füllen sich die Straßen und Parks mit ganzen Horden von Frauen. Frühsportzeit. Die geografische Lage bringt es mit sich, dass fast das ganze Jahr über die Sonne etwa um dieselbe Zeit aufgeht. Um halb sechs ist es hell. Dann beschallen kleine Kassettenrekorder oder auch mal beeindruckend große transportable Lautsprecherboxen die Umgebung. »Eins, zwei, drei, vier …«, plärren die Boxen. Eins, zwei, drei, vier recken und strecken sich Dutzende von Armen und Beinen zu allen Seiten. Manchmal ertönt dazu Musik. Dann ist es meistens jeden Morgen dasselbe Lied. Gelegentlich mischt sich auch Hahnengeschrei darunter. Eine Stadt wacht auf.

Frühsport ist wichtig. Eine erstaunlich große Anzahl an Vietnamesinnen frönt dieser Gewohnheit. Zählt man die verbreiteten Abendspaziergänge noch dazu, ergibt das eine überraschend bewegliche Gesellschaft. Der Frühsport erklärt auch, warum Hanoi so früh schlafen geht. Die Millionenhauptstadt präsentiert ihre ländliche Seite – der Tagesrhythmus richtet sich nach der Sonne.

Fünf Uhr morgens – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Vietnams. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Vietnam 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

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Winter

Zwölf Grad Celsius können richtig kalt sein

 

(© Marc Seidel)

Vietnamesische Winter sind warm, gemütlich und trocken. Ein tropischer Traum. Das gilt für Südvietnam und auch noch für Teile Mittelvietnams. Für den Norden gilt es leider nicht. Der Süden darf sich beklagen, dass das Jahr mit nur zwei Jahreszeiten ein wenig eintönig vorüberplätschert. Der Norden hingegen klagt, dass es vier Jahreszeiten gibt. Denn drei davon sind ungemütlich – zu warm, zu kalt oder zu nass. Der Winter ist die ungemütlichste.

Es gibt Kanadier in Hanoi, die fangen an zu lachen, wenn die ersten Vietnamesen im Januar ihre Handschuhe, ihre dicken Winterjacken und ihre Ohrenwärmer hervorholen und sich damit in den Straßen zeigen. Manchen vergeht drei Wochen später das Lachen. Einige tragen dann plötzlich selbst Schal und Mantel.

Das liegt an zwei Dingen: der Feuchtigkeit und der Architektur. Feuchtigkeit ist fies. Sie zieht durch Mark und Bein. Kein Kleidungsstück scheint so recht gegen Feuchtigkeit zu helfen, erst recht nicht, wenn der Stoff selbst schnell klamm wird. Und: Kaum ein Haus ist warm. Es gibt keine Heizung. Es gibt höchstens Heizstrahler, die punktuell für Wärme sorgen. Man läuft den ganzen Tag durch nasskühles Wetter, arbeitet im Büro im nasskühlen Wetter und sitzt zu Hause am Esstisch im nasskühlen Wetter. Wärme bringen höchstens die Dusche und das Bett, wenn nicht auch das feuchtklamm ist.

Die hilfreichste Erfindung für diese Jahreszeit ist der fingerlose Handschuh. Er sorgt dafür, dass die Hände im Büro warm genug bleiben, um den Computer zu bedienen. Vietnam ist nicht das Land, das man spontan mit fingerlosen Wollhandschuhen in Verbindung bringen würde, aber viele alte Bürogebäude lassen gar keine andere Wahl.

Die Vietnamesen könnten freilich auch Heizungen installieren. Sie tun dies vermutlich aus demselben Grund nicht, warum in Mitteleuropa die Klimaanlagen so selten sind: Für zwei Monate im Jahr lohnt der Aufwand nicht. Spätestens im schwülheißen Mai wundert sich sowieso jeder, wie er jemals Handschuhe tragen konnte.

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18

Frühstück

Gegessen wird auf der Straße

 

»Hast du schon gefrühstückt?«, lautet eine recht häufige Frage, wenn man morgens im Büro erscheint. Eine völlig berechtigte Frage, denn zu Hause zu frühstücken ist unüblich. Wer will schon morgens nach dem Aufstehen kochen? Stattdessen geht es ins Büro an den Arbeitsplatz, und wer erst einmal da ist, der geht gleich wieder. Zum Frühstücken.

Die reichhaltige vietnamesische Suppen- und Nudelkultur hat vor allem hier ihre Wurzeln. Es gibt Suppenköche, die eröffnen morgens ihren Stand und verkaufen dann Suppe bis keine mehr da ist. Das kann schon um neun Uhr der Fall sein.

Gefrühstückt wird selbstverständlich auf kleinen Hockern, in Gruppen oder alleine. Viele Suppen scheinen wie dafür gemacht, um anschließend einen Arbeitstag überstehen zu können – zumindest bis zum Mittagessen.

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Mundschutz

Schützt vor allem außer Abgasen

 

Manche Beobachter glauben ja, die vietnamesischen Motorrollerfahrer tragen den Mundschutz wegen der Abgase. Einige mögen das sogar tun. Der Effekt ist allerdings zumindest zweifelhaft. Die Stofflappen vor dem Gesicht lassen Auspuffgerüche genauso durch wie die damit verbundenen Giftstoffe.

Vor was sie allerdings sehr effektiv schützen, ist Staub. Nicht Feinstaub, sondern echter, dicker, grober Straßenstaub. Davon gibt es im Land eine ganze Menge. Außerdem schützen sie vor der Sonne. Sie komplementieren das Outfit jedes (meist weiblichen) Sonnenflüchters: langer, hemdsärmliger Überzug, dicke Sonnenbrille, Mundschutz. So kommt garantiert kein Sonnenstrahl ins Gesicht, denn ein gebräuntes Gesicht ist nicht schön. Um ganz sicherzugehen hält man an Ampeln nur im Schatten von Bäumen oder Gebäuden – und produziert damit gleich noch einen kleinen Stau.

Es gibt auch die moderne Mundschutz-Variante mit Rußfiltern. Sie sind meist sehr dick, haben eine Extralage Kohlefilter aus Papier, manche sind gummiert. Kurz gesagt: Sie sind für vietnamesische Wetterverhältnisse viel zu warm. Man muss Prioritäten setzen.

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Kaffee

Einfaches Lebensgefühl

 

Vietnams Kaffee ist schlicht, sagt naserümpfend der Weltmarkt. Zumindest werden vietnamesische Kaffeesorten meist verkauft, um unter andere Sorten gemischt zu werden. Vietnam ist weltweit der zweitgrößte Kaffee-Exporteur hinter Brasilien. Das weiß nur kaum jemand, weil es keine herausragende vietnamesische Marke gibt.

Wer Gast in Vietnam ist, kommt dagegen zu einem anderen Schluss. Kaffee ist Lebensgefühl. Auf eine ganz subtile und bodenständige Weise. Zwar gibt es mittlerweile auch die modern anmutenden, klimatisierten Kaffeehallen, in denen hinter großen Glasfronten Süßes serviert wird. Das Herz der vietnamesischen Kaffeekultur aber ist das kleine Familiencafé.

Man könnte manchmal den Eindruck gewinnen, jede Familie, die nicht weiß, was sie mit dem Erdgeschoss ihres Eigenheims anfangen soll, eröffnet ein Café. Vor allem auf dem Land oder in den Vorstädten steht eines neben dem anderen. Hier wird Kaffee aus kleinen Espresso-Bechern getrunken. Nicht gepresst, sondern getropft. Dazu wird geraucht, geredet. Früher, als es kein Internet und kaum Telefon gab, also vor gar nicht langer Zeit, ging ins Café, wer sich treffen wollte: irgendjemand würde schon auftauchen. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Café.

Getrunken wird der vietnamesische Kaffee entweder pur oder mit süßer Kondensmilch. Ein klassisches Café hat keine andere Auswahl. Man bestellt entweder »schwarz« oder »braun«, was eine sehr treffende Farbbeschreibung ist. Oft befremdlich, aber fast lebensnotwendig in der sommerlichen Hitze ist »Eiskaffee«. Der enthält nicht etwa modernen Schnickschnack wie Eiscreme, sondern ganz schlicht ein paar in den Kaffee geworfene Eiswürfel.

Schlichtheit kann auch schmecken.

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Zitronensaft

Die Allzweckwaffe unter den Getränken

 

Es gibt in Vietnam ein Getränk, das funktioniert immer. Wer gerade nicht weiß, was er trinken soll, wem grüner Tee oder Kaffee zu stark sind, Cola zu süß, Wasser zu fad – der bestellt Zitronensaft. Jedes Café, jedes Restaurant serviert Zitronensaft. Dabei sei eines gleich zur Erklärung gesagt: Die Zitrone ist in Vietnam eine Limette. Ihr Geschmack vermischt Säure mit einem Hauch Süße und einer herbschweren Note.

Die Limette wird gepresst und mit Wasser vermischt. Dazu Eiswürfel, mehr braucht es gar nicht. Manche Vietnamesen fügen gerne noch Salz hinzu, viele Cafés servieren den Saft außerdem mit einer gehörigen Portion Zuckersirup. Ungesüßt schmeckt er deutlich besser – und erfrischender. Wer Zitronensaft bestellt, der bekommt auf jeden Fall frischgepressten Saft. Oder die Antwort: »Haben wir nicht.« Kein vietnamesischer Cafébesitzer käme auf die Idee, dem Gast stattdessen abgepackte Tütenware oder Softdrinks zu servieren. Zitronensaft ist Zitronensaft. Das ist, nebenbei gesagt, einer der großen gastronomischen Vorteile in Vietnam: Fruchtsaft ist in der Regel frischgepresst. Die Saftpresse ist Standardutensil. Mangosaft besteht aus Mangos, und ein Café, das etwas auf sich hält, bietet oft sogar eine ganze Variation an Fruchtsäften an. Geheimtipp: Passionsfruchtsaft. Leicht säuerlich, erfrischend, mit sehr süßem Eigengeschmack. Unbedingt ungesüßt trinken. Die Zauberformel lautet: »Không đường!« (»Kein Zucker!«). Die Ausnahme von der Regel machen oft ausgerechnet die großen Hotels, die bei ihren Büffets Tütenfruchtsaft anbieten.

Die Limetten sind übrigens klein, golfballgroß und leicht zu lagern. Auch deswegen gibt es überall Zitronensaft. Wer gerade keine Limette zur Hand hat, der findet sicherlich in der Nähe einen Straßenhändler.

Zitronensaft – einer von 151 Einblicken in die Gesellschaft Vietnams. Alle 151 Momentaufnahmen, bewegende Fotos und spannende Texte finden Sie im Buch Vietnam 151 – erschienen im CONBOOK Verlag. Weitere Informationen

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Mücken

Warum die sirrenden Sauger an unser Blut wollen

 

Vietnam ist geprägt von Flüssen, Tümpeln und Seen. Kein Wunder, dass hier so viele Mücken leben. Insofern ist es auch sehr folgerichtig, dass die Legende um die Entstehung der Mücke sich hauptsächlich auf einem Fluss abspielt.

Vietnamesische Legenden und Märchen haben für alles eine Erklärung. Sie können beispielsweise erklären, wo die Mücken herkommen: Mücken sind gierige Frauen.

Die Legende geht so: Ein vietnamesischer Bauer ist unsterblich verliebt in seine wunderschöne Frau Nhan Diệp. Dummerweise ist Nhan Diệp gierig und faul zugleich, was er aber aufgrund seiner unsterblichen Liebe nicht merkt. Schließlich stirbt die Angebetete, und der Bauer gibt aus Liebeskummer sein Land auf, setzt sich auf ihren Sarg und treibt damit den Fluss hinunter. Auf ihrer Reise begegnen sie einem Gott oder Geist mit heilenden Kräften (für übernatürliche vietnamesische Wesen gibt es im Deutschen keinen rechten Begriff, sie sind meist etwas zwischen Gott und Geist). Dieser hat Mitleid und verrät dem guten Bauern, wie er seine Frau wieder zum Leben erwecken kann: mithilfe von drei Blutstropfen.

Leider war Nhan Diệp, gierig und faul, wie sie schon zu Lebzeiten war, ihre Wiedererweckung aber gar nicht wert. Was sich auf der Rückreise zeigt: Das wiedervereinte Paar begegnet auf dem Fluss einem reichen Händler. Der findet Nhan Diệp attraktiv, lädt sie auf sein Boot – und nimmt sie mit. So einfach geht das, wenn Frauen gierig und faul sind. Der arme Bauer, abermals verzweifelt und noch immer liebesblind, sucht seine Frau monatelang. Erst als er sie findet, geht ihm endlich ein Licht auf. Ihre Antwort lautet nämlich sinngemäß: »Nö du, mir gefällt’s hier ziemlich gut. Der Kerl ist reich und ich muss nicht arbeiten, und lieber ein reicher, hübscher Händler, als ein armer, hässlicher Bauer.«

Der Bauer, auf einen Schlag geheilt von seinem Liebeswahn, tut das, was geschasste Partner immer tun: Er fordert seine Liebesbeweise zurück. Also Liebesbriefe, Fotos, Schmuck, geschenkte Autos und all dieses Zeug. Da das Paar keine Fotos und Autos besitzt, fordert er in diesem Fall nur seine drei Tropfen Blut.

Nachdem Nhan Diệp diesen Wunsch erfüllt hat, stirbt sie und wird zur Mücke, die fortan suchend nach ihren drei Tropfen Blut giert und unentwegt sirrend ruft: »Es tut mir leid, es tut mir leid, gib mir mein Blut zurück!« Da Mücken so klein sind, verstehen wir das nur nicht.

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Reisen

Nicht ohne meine Mitarbeiter

 

Am liebsten in der Gruppe. Vietnamesische Familien und Reisegruppen auf dem Weg zu einer Bootstour in der zentralvietnamesischen Provinz Quang Binh.

Vietnamesen sind sehr soziale Wesen. Sie sind nicht gerne allein. Das macht sich vor allem im Urlaub bemerkbar. Individualreisen sind ein Trend, den allenfalls die Jugend vereinzelt zaghaft erforscht. Ansonsten gilt: Die Gruppe ist Trumpf. Die Gruppe, das kann die Familie sein oder auch die Kollegen. Viele Büros oder Firmen machen einmal im Jahr einen Ausflug. Oft der einzige Urlaub des Jahres. Dann fährt die gesamte Belegschaft gemeinsam an den Strand oder in die Berge – als ob man sich nicht schon lang genug gesehen hätte.

Durchorganisiert ist auch das Programm. Die Reisenden möchten unterhalten werden. Was viele westliche Touristen am Standardprogramm vietnamesischer Reisebüros so irritiert, nämlich dass man kaum eine Stunde mal einfach nur die Landschaft bewundern kann, ist dem vietnamesischen Reiseempfinden geschuldet. Besichtigung hier, Besichtigung dort, Mittagessen, Karaoke, Besichtigung hier … ohne ein Programm ist eine Reise keine Reise. Auch geschlafen wird gerne gemeinsam in Mehrbettzimmern.

Das geht so weit, dass vietnamesische Geschäftsleute, Beamte oder Wissenschaftler oft darauf beharren, noch mehrere Kollegen mitnehmen zu dürfen, wenn sie von ausländischen Organisationen auf Fortbildungsreise eingeladen werden. Die Ausländer wittern dahinter dann bisweilen Korruption, unverschämte Gier oder ähnlich zwielichtige Motive. Dabei ist die Wahrheit viel einfacher: Eine Reise ist eine Reise, auch wenn sie offiziell der Fortbildung dient. Und dem Firmenchef graust vor der Vorstellung, allein zu reisen. Da schläft er lieber mit seinen Angestellten in einem Zimmer.

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Drache

Erhabenes Symbol der Macht

 

Bunter Drachenkopf aus Mosaiksteinen in einem Hof der Küstenstadt Hoi An.

Der Drache ist in zahlreichen asiatischen Gesellschaften ein Symbol für Herrschaft, König und Macht. Die Vietnamesen nehmen darüber hinaus von sich in Anspruch, von einem Drachengeschlecht abzustammen. Außerdem trug ihre Hauptstadt über Jahrhunderte hinweg den Namen Thăng Long, »aufsteigender Drache«. Hà Nội heißt der Ort erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Das wiederum sorgte vor der Tausendjahrfeier von Hanoi 2010 für Diskussionen. Einige Vietnamesen sprachen sich dafür aus, zum ehrenvollen, alten Titel zurückzugehen. Andere erklärten, man könne unmöglich den mittlerweile durch die Revolution weltweit bekannten Namen Hanoi abschaffen. Am Ende wurden »1.000 Jahre Thăng-Long-Hà-Nội« gefeiert. Seinen Ursprung hat der Name Thăng Long in einer Legende, derzufolge der König bei der Wahl des Standortes für seinen Palast einen aufsteigenden Drachen sah. Ein gutes Omen.

Denn der Drache ist durch und durch gut. Kein Biest, das Jungfrauen entführt und Ritter röstet. Konsequenterweise nennen manche Vietnamesen die westlichen Drachen aus Kunst und Kino auch nicht »Drache«, sondern benutzen den Begriff »Monster«. Der asiatische Drache ist viel zu erhaben, um in den Schmutz gezogen und getötet zu werden. So erhaben, dass jedem im Jahr des Drachen geborenen Kind eine glorreiche Zukunft bevorsteht.

Das sorgt in Jahren des Drachen für angekündigtes Chaos. In den Kreißsälen herrscht Hektik, die Gynäkologie-Abteilungen sind überfüllt. Paare versuchen absichtlich, die Geburt ihres Kindes in den zwölf Mondmonaten des Drachenjahres stattfinden zu lassen. 2012 führte das bereits in den ersten Tagen nach Neujahr zu einem Anstieg der Geburten um ein Drittel. Für alle Hebammen wurde der Neujahrsurlaub komplett gestrichen. Die Folge: Alle diese Kinder werden später mit überfüllten Kindergärten und Schulklassen zu kämpfen haben und sich auf dem Arbeitsmarkt gegen ihre Altersgenossen des besonders geburtenstarken Jahrgangs durchsetzen müssen. Da braucht es sicherlich die ganze Macht und Kraft von Drachen, um sich die versprochene glorreiche Zukunft zu sichern.

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Cyclo

Zähes Relikt

 

Vietnamesen benutzen die Cyclos fast gar nicht mehr. Einzige wichtige Ausnahme ist die Verlobungsfeier. Dann werden die Geschenke der Bräutigamsfamilie mit großen Tellern auf Cyclos zum Haus der Braut gebracht.

Die Geschichte des Cyclos ist eigentlich eine Geschichte des Niedergangs. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Fahrradtaxi ein weit verbreitetes Fortbewegungsmittel. Nicht für Touristen, die es sowieso kaum gab, sondern für Vietnamesen. Das war allerdings auch die Zeit, in der kaum Autos durch die Straßen fuhren und keine Motorroller knatterten. Heute haben diese beiden motorisierten Formen von Taxis das Cyclo abgelöst.

Wer heute ein Cyclo sieht, der sieht vermutlich einen Touristen darin sitzen. Nicht selten folgt dann noch ein Dutzend weiterer. Die Touristen ärgern sich dann, dass sie von Cyclos umgeben sind, und die vietnamesischen Verkehrsteilnehmer ärgern sich, dass eine Schlange von Cyclos die Straße blockiert. Konsequenterweise wurden im Laufe der Jahre die erlaubten Routen für Cyclos mehr und mehr eingeschränkt, was wiederum das Fahren Stück für Stück unattraktiver macht. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass nicht jeder beim Fahren gerne auf Auspuff anlagen schaut. Es bleiben vereinzelte Inseln der Seligen für Cyclofahrer, vor allem in Mittelvietnam, wo weniger Verkehr herrscht und Attraktionen wie der weitläufige Kaiserpalast von Hue ausreichend Touristen anziehen, die nicht das ganze Gelände zu Fuß ablaufen wollen.

Noch ist das obligatorische Bimmeln der Cyclo-Klingeln kein Totenglöckchen. Denn die Fahrradtaxis sind zäh. Sie werden noch immer gelegentlich von Vietnamesen genutzt, wenn es darum geht, besonders sperrige Dinge zu transportieren. Sie sind beliebtes traditionelles Verkehrsmittel, wenn vietnamesische Familien die Bräutigamgeschenke zur Hochzeit überreichen. Und sie sind auch für Touristen gar nicht so unpraktisch, wie sie scheinen: Erst im Cyclo merkt man, wie viel Aufmerksamkeit es vorher gekostet hat, beim Umherlaufen auf den Boden zu schauen, um Löchern, Suppenküchen oder Motorrollern auszuweichen.

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Golf

Folge dem Trend

 

Kein Klischee: Auch die Golf-Caddies tragen in Vietnam geflochtene Kegelhüte – um sich vor der Sonne zu schützen.

Der Hồ-Chí-Minh-Pfad war im Krieg gegen die USA jenes mythische Labyrinth aus Urwaldpfaden, mit dessen Hilfe die Vietnamesen Nachschub, Munition und Versorgung an die Front brachten. Es war streng genommen kein Pfad, sondern ein komplettes Wegenetz. Ein Ort, an dem gekämpft, gelitten und gestorben wurde.

Heute existiert wieder ein Hồ-Chí-Minh-Pfad. Namentlich leicht abgewandelt allerdings. Er heißt jetzt Hồ-Chí-Minh-Golfpfad – ein Netz aus Golfplätzen, das sich durch das gesamte Land zieht. Gekämpft wird hier vermutlich auch, gestorben eher weniger. Dass es heutzutage in Vietnam möglich ist, sich zu Werbezwecken den Namen eines fast nationalheiligen Kriegsschauplatzes zu borgen, für einen Sport, der früher nur von Kolonialfranzosen, dem Königshaus oder im vergnügungssüchtigen Saigon der Vorkriegszeit gespielt wurde, ist zugleich bemerkenswert und etwas beschämend.

Mitten im Innenstadtverkehr tragen heutzutage Fahrer auf Motorrollern ihre Golftaschen. Am Hanoier Westsee schlagen die Städter in ruhiger Beharrlichkeit Golfbälle hinaus auf das Wasser. Golf ist zu einer der vielen Trendsportarten in Vietnam geworden. Jährlich kommen neue hinzu. Einige Zeit schien jede junge vietnamesische Frau fasziniert vom Bauchtanzen. Später erklärten die Zeitungen Poledance zum neuen Trend, nicht ohne zu erklären, dass es sich hierbei um einen respektablen Sport handele, der nichts mit Striptease zu tun habe.

Der Golftrend ist zweifelsohne auch ein Wohlstandszeichen. Für die klassischen vietnamesischen Vergnügungen Aerobic oder Fußball muss man sich nicht groß ausstaffieren. Eine Golfausrüstung dagegen ist teuer. Und im Urlaub mal eben den Hồ-Chí-Minh-Golfpfad abzuklappern bedeutet außer den Kosten vor allem, dass man überhaupt frei zu verplanenden Urlaub haben muss. Den gab es früher nicht. Höchstens Heimaturlaub, für die Soldaten.

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Mobiltelefone

Warum es mehr Nummern als Einwohner gibt

 

Eine junge Frau vom Volksstamm der sogenannten »Blumen-Hmong« (benannt nach ihren farbenfrohen Gewändern) überprüft beim Marktbesuch schnell noch mal ihr Telefon. Auch in entlegenen Gebieten wie dem vietnamesisch-chinesischen Grenzland gibt es mittlerweile ein solides Funknetz.

Im Dezember 2011 gab es bei damals weniger als 90 Millionen Einwohnern in Vietnam rund 120 Millionen Handy-Anschlüsse. Tendenz steigend. Statistisch gesehen telefoniert also jeder Vietnamese mit mehr als einem Handy. Insofern sollte man sich auch nicht wundern, wenn plötzlich mitten in den Bergen, zwischen Reisfeldern und Büffeln, eine Vietnamesin in traditioneller Bauerntracht an ihrem Mobiltelefon herumfummelt.

Der Grund für diese seltsame Statistik ist vor allem die Geschäftspolitik der Mobilfunkanbieter: Dank zahlreicher Sonderangebote ist es oft deutlich günstiger, sich einfach eine neue SIM-Karte (und damit eine neue Telefonnummer) zu kaufen, als den alten Vertrag zu verlängern. Die Anbieter mussten mittlerweile auch längst kleinlaut einräumen, dass sie keine Ahnung haben, wie viele Anschlüsse tatsächlich genutzt werden.

Das Handy ist Standard. Wer jemanden erreichen will, ruft auf der Mobilnummer an. Festnetz wird kaum genutzt. Es kam erst kurz vor dem Handy Ende der 1990er-Jahre ins Land. In abgelegenen Gegenden kam das Handy sogar zuerst. Das beeinflusst das Telefonverhalten: Wenn es klingelt, geht man ran. Alles andere würde nur Besorgnis auslösen. Man geht ran, auch wenn man mitten im Gespräch ist. Oder gerade am Stehpult eine Rede hält. Oder als Professor bei Studenten die Prüfung abnimmt.

Gewisse Höflichkeitsformen am Telefon gibt es freilich auch. Zum Beispiel halten sich Telefonierende die Hand vor den Mund, wenn sie gerade in einer Konferenz sitzen. Das nützt zwar sehr wenig, gilt aber als vornehm. Wer noch höflicher sein will, der lehnt sich zur Seite, eventuell bis unter den Tisch.

Wenn also ein Vietnamese beim Telefonieren plötzlich mit seinem Kopf halb auf Ihrem Schoß landet, wundern Sie sich nicht: Es ist höflich gemeint.

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Schlafen

Hauptsache hart

 

Vietnamesische Matratzen sind sehr weich – zumindest nach Ansicht vieler Vietnamesen. Ausländische Gäste sehen das mitunter deutlich anders. Diese unterschiedlichen Einschätzungen rühren daher, dass ein Großteil der Bevölkerung überhaupt nicht auf Matratzen schläft, sondern auf Bambusmatten. Im Vergleich dazu ist eine Matratze in der Tat sehr weich und sei sie noch so dünn und hart.

Bambusmatten haben im tropischen Klima den Vorteil, dass sie deutlich leichter trocken bleiben und weniger schimmeln. Außerdem sparen sie Platz. Gerade viele ärmere Familien, die in kleinen Häusern wohnen, rollen abends ihre Matten in Zimmern aus, die tagsüber als Wohnzimmer oder Verkaufsraum dienen. Aber selbst in Schlafzimmern wohlhabenderer Großstädter finden sich häufig große Betten mit brettharten Matratzen.

Bauarbeiter und Handwerker halten aus demselben Grund deswegen auch ohne mit der Wimper zu zucken auf dem Betonfußboden Mittagsschlaf. Büroangestellte und Verkäufer schlafen auf Tischen, Stühlen oder Klappbetten (ohne Matratze). Und Motorradtaxifahrer schlafen auf ihrem Motorroller. Beine über den Lenker, Kopf auf dem Sitz. Das ist sehr weich, im Vergleich zum Fußboden.

Von Präsident Hồ Chí Minh ist übrigens die Anekdote überliefert, dass der als sehr asketisch bekannte Mann zur Friedenskonferenz 1946 in Paris in einem Fünfsternehotel einquartiert war. Er schlief auf dem Boden – das Bett war ihm zu weich. Wer eine Bambusmatte gewöhnt ist, der bekommt von weichen Matratzen in Luxushotels ohnehin nur Rückenschmerzen.

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134

Schwert im See

Warum die Wahrheit spannender ist als die Kurzversion

 

Die Schildkröte, die das Schwert von König Lê Lợi zurückfordert, hier verewigt auf der mehrere Kilometer langen Hanoier Mosaikmauer. Auf ihrem Rücken trägt sie den Literaturpavillon und die Einsäulenpagode.

Die Legende vom Hoàn-Kiếm-See, dem Schwert und der Schildkröte wird fast jedem Touristen in Hanoi irgendwann einmal begegnen: Ein vietnamesischer Volksheld vertreibt im 15. Jahrhundert mit einem göttlichen Schwert die chinesischen Besatzer aus dem Land und krönt sich anschließend zum König. Das Schwert wird später beim Fischen im See von einer goldenen Schildkröte zurückgefordert.

Üblicherweise wird erklärt, dem Mann sei das Schwert beim Fischen im See ins Netz gegangen. In der eigentlichen Legende findet die Übergabe aber ganz anders statt . Dort ist es nicht der König, der das Schwert findet, sondern ein Fischer. Und der findet kein Schwert, sondern eine Eisenstange. Beim Fischen. Das will man als Fischer natürlich nicht, also schmeißt er die Stange ins Wasser zurück und fischt woanders weiter. Kurioserweise geht ihm aber auch beim zweiten Mal die Stange ins Netz. Und dann ein drittes Mal. Beim dritten Mal hat der Fischer die Botschaft verstanden und nimmt die Eisenstange mit, die sich als Schwertklinge entpuppt. Nur als Klinge, wohlgemerkt. Ohne Griff.

Der Fischer schließt sich den Aufständischen gegen die Chinesen an, worauf die Klinge in Anwesenheit des Anführers (und späteren Königs) zu leuchten beginnt. Der König versteht die Botschaft sofort und nimmt die Klinge an sich. Kurze Zeit später begegnet ihm im Wald ein weiteres leuchtendes Etwas. Auf einer Baumspitze findet er schließlich: den Schwertgriff. Der Rest ist Geschichte.

Spannend ist, wie sich auf wundersame Weise Legenden rund um die Welt gleichen. Auch Frankreichs Jeanne d’Arc bekommt von göttlicher Kraft ein Schwert verliehen. Und die Engländer wiederum wissen, dass das Schwert Excalibur von einer »Herrin des Sees« im See versenkt wurde. Sogar Harry Potter findet sein Schwert im See.

Das Fazit müsste also möglicherweise lauten: Wenn jemand (aus welchem Grund auch immer) dringend ein Schwert braucht, sollte er mal beim nächsten See vorbei schauen. Und Fischer sollten Gerümpel, das sie im Netz finden, niemals zurück ins Wasser schmeißen.

Ist auch viel besser für die Umwelt.

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Das sagen die Medien

»Als ich das Buch aufschlug und zu lesen begann, konnte ich es erst dann wieder zur Seite legen, als ich es weit nach Mitternacht ausgelesen hatte. Fesselnd, sehr informativ und mit einem Schuss Humor geschrieben, hat man das Gefühl, dem Autor gegenüber zu sitzen, seiner Erzählung zu lauschen, ohne sein gelegentliches Augenzwinkern zu übersehen.« (Heiko Mrozik, Vietnam kompakt - das Vietnam Portal, April 2013)

»Liebevoll bebildert nimmt dieses Buch den Leser mit auf eine kurzweilige Reise durch eine abwechslungsreiche Kultur voller liebenswerter Widersprüche.« (IN ASIEN, 4/2013)

Informationen zum Buch

Vietnam – das Land der knatternden Zweiräder und der schweigenden Schildkröten, wo Kinder mit Wasserbüffeln Gassi gehen und Geschäftsleute auf winzigen Plastikhockern am Straßenrand essen, trinken und rauchen. Die Frau mit Strohhut als exotische Schönheit, die Felsen der Halong-Bucht als Urlaubsziel, der Hubschrauber als Zeichen des Krieges – Vietnam bietet weit mehr als diese bekannten Symbole.

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Autor David Frogier de Ponlevoy

David Frogier de Ponlevoy ist in Worms aufgewachsen und hat in Marburg, Paris und Freiburg Geschichte und Politik studiert. Sein Volontariat machte er bei der Tageszeitung Heilbronner Stimme. Von da aus war es semantisch gesehen nur ein kleiner Sprung zum vietnamesischen Staatsradio Stimme Vietnams, für das er fünf Jahre lang Journalisten in Hanoi ausgebildet hat. Er folgte damit den Spuren seines Urgroßvaters, der 1886 nach Vietnam ausgewandert war und eine Vietnamesin geheiratet hatte. Derzeit arbeitet er in Vietnam als freier Journalist und Journalistentrainer sowie als Reiseführer für Hanoi Kultour. In seiner Freizeit spielt er auf Hanoier Bühnen Theater.

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